Massage für den Rücken und Seele

Zwei Dinge fließen unerwartet zusammen: Wer im Kloster der Arenberger Dominikanerinnen bei Koblenz eine Auszeit sucht, kann seinen müden Körper genauso pflegen, wie er seinen spirituellen Hunger durch seelsorgerische Angebote stillen kann. Das ganzheitliche Konzept öffnet für viele Gäste die Türen zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben.

Text und Fotos: M.Bönte

Erst zum Morgenimpuls in die Kapelle, dann zum intensiven Körperzonentraining »Bauch, Beine, Po«, anschließend zur Mittagshore in den Schwesternchor und nach dem Mittagessen vielleicht eine Aroma-Massage. So kann er aussehen, der Tagesplan eines Gastes der Dominikanerinnen in Arenberg bei Koblenz. Eine ungewöhnliche Zusammenstellung, genauso wie der Entschluss der Ordensgemeinschaft vor einigen Jahren, den Gästekomplex am Mutterhaus in dem bergigen Gelände oberhalb des Rheintals zu einer Anlage mit modernem Hotelambiente und einem großzügigen Wellness-Bereich umzubauen.
Denn es mussten Tabus gebrochen werden: Die 68 Schwestern in Arenberg mussten die Präsenz und das Wirken des Ordens weiterentwickeln. Bei einem Durchschnittsalter von 75 Jahren kein leichtes Unterfangen, weiß Bernhard Grunau, der als Geschäftsführer die Entstehung des Gästehauses intensiv begleitet hat. »Da war sicher einiger Mut erforderlich, weil das neue Konzept für viele auf den ersten Blick kaum in das sozial-karitative Engagement der Gemeinschaft zu passen schien.«




Doch die Geschichte der Arenberger Dominikanerinnen seit ihrer Gründung 1868 zeigt, dass sie schon immer eine fortschrittliche Gemeinschaft waren. »Immer am Puls der Zeit«, beschreibt Grunau das. Die Geschichte des Gästehauses ist deshalb wechselhaft: Karitative Einrichtung war es, in den Weltkriegen Reservelazarett und zuletzt lange Zeit Kneipp-Sanatorium. Die grundlegende Frage war immer: Wie gelingt es, den Menschen mit ihren Nöten zu begegnen? »Die Schwestern waren dabei tough«, sagt Grunau. Also hart im Nehmen, wenn es Kritik dafür einzustecken galt, dass sich das Kloster einer neuen Idee öffnete.

Zuwendende Liebe

Kritik gab es auch vor sechs Jahren, als das Gästehaus mit großem, hellem Glasfoyer, Schwimmbad, Sauna und Fitnessraum seine Tore öffnete. »Wellness-Kloster« war ein Schlagwort in den Medien, als »Vier-Sterne-Kloster« wurde man belächelt. Worte, die für viele Schwestern bis heute noch schwer verdaulich sind. Denn sie zeigen doch eine Außenwahrnehmung, die so gar nicht ihren lebenslangen liebevoll-aufopfernden Einsatz für die Menschen widerspiegelt. Doch der ist geblieben, sagt Schwester Beatrix, die gemeinsam mit Grunau das Gästehaus leitet: »Unsere zuwendende Liebe wird heute lediglich anders gebraucht als früher.«

Die neue Ausrichtung sei somit kein Verrat an dem, was die Ordensgründerin Mutter M. Cherubine wollte, als sie ihr Dasein ganz jenen Menschen widmete, die ihrer Hilfe bedurften: Kinder, Jugendliche, Arme, Kranke und Alte. »Unsere Frage war, wo wir in der heutigen Zeit Armut finden«, sagt Schwester Beatrix. Es seien andere Menschen, die nun kämen, oft mit einer anderen Armut als zuvor. »Sie suchen Sinn, sind spirituell hungrig, ausgebrannt, missachtet, trauernd oder allein.« Eine große Armut der heutigen Zeit, auf die ohne haltende Strukturen einer Gemeinschaft keine Antwort gefunden werden kann. Genau diesen Halt wollen die Dominikanerinnen in ihrem Gästehaus bieten.

»Denn es bleibt ja nicht bei der Aroma-Behandlung«, sagt Schwester Beatrix. »Die Begegnung soll weiter in die Tiefe führen.« Die Einladung zu den Gebetszeiten im Schwesternchor ist dabei nur ein Weg. Meditative Impulse, Gottesdienste, spirituelle Kurse und Glaubensgespräche gehören fest zum Angebot, aus dem der Gast wählen kann. Die im Haus immer präsenten und ansprechbaren Schwestern tragen dazu bei, jene Atmosphäre zu schaffen, die weiterführt. »Für viele von uns heißt das Apostolat dabei: einfach nur da sein.«
Nicht nur die zehn Schwestern, die noch im Gästehaus tätig sind, sondern auch die 85 weiteren Mitarbeiter sind für diesen wichtigen Unterschied zu einem normalen Wellness-Hotel wichtig. »Sie tragen diesen anderen Ansatz mit«, weiß Grunau und bringt das Motto auf den Punkt: »Wir fragen nicht, was der Gast will, sondern was der Mensch braucht.
«Der Unterschied wird an vielen Stellen spürbar, oft feinsinnig vermittelt, mit kleinen Details. Natürlich tragen die vielen Heiligenfiguren und Bilder auf den Gängen und Zimmern dazu bei. Das Schild im Aufzug neben dem Knopf zu Etage sieben lässt aber genauso aufhorchen: »Stiller Bereich.« Ebenso der kleine Lautsprecher über dem Kreuz im Zimmer, aus dem der Gast den ganzen Tag meditative Musik hören kann. Kein anderer Sender, kein Radio, kein Fernsehen, kein Internet ‒ nur die Lautstärke der Musik kann gewählt werden.

Lächelnde Schwestern
Der deutlichste Fingerzeig ist aber das ehrliche Lächeln der Schwestern, denen man im Park, auf den Fluren oder im Speisesaal begegnet. Dort setzt sich zum Beispiel Schwester Annuntiata hier und da für einen Plausch an die Tische der Gäste. »Das passiert dir in keinem Hotel«, sagt sie augenzwinkernd. Wie passt das Wellnessprogramm in diese Atmosphäre? Ist es ein Parallelprogramm oder gar eine Anbiederung an den Zeitgeist? »Es ist auf jeden Fall ein Türöffner, der uns den Weg zu Menschen ermöglicht, die sonst nicht hierher kämen«, sagt Schwester Andrea. Als ausgebildete Physio- und Entspannungstherapeutin sowie als Krankenhausseelsorgerin weiß sie zudem, wie eng das körperliche Befinden mit der Seelenlage zusammenhängt. »Wenn wir den spirituellen Hunger der Menschen stillen wollen, dann dürfen wir ihn nicht in zwei Hälften teilen.«

Bei ihrer Arbeit mit neurologisch erkrankten Patienten im Krankenhaus habe sie gelernt, dass die Auseinandersetzung mit vielen seelischen Problemen schon im Körper blockiert werde. »Er darf deswegen nicht stiefmütterlich behandelt werden. «Heute leitet Schwester Andrea den Vitalbereich des Gästehauses und macht gleichzeitig seelsorgliche Angebote. Sie massiert quasi Körper und Seele.
Nicht selten hat sie erlebt, wie die Verspannung im Rücken den Weg zum inneren Ballast aufzeigte. In einer solchen Berührung sieht sie gegen alle Klischees und Vorurteile etwas »Urchristliches«: »Jesus hat die Menschen berührt, wenn er sie geheilt hat.« Leider werde der Körper in der katholischen Kirche oft als ein Anhängsel gesehen, die Seele stehe im Mittelpunkt. Viele Ansätze und Rituale seien so als »anrüchig« bewertet worden und hätten sich nicht etablieren können. »Man könnte von einer regelrechten Leibfeindlichkeit der Kirche sprechen.«

Dabei sieht Schwester Andrea gerade in der Einheit von Körper, Geist und Seele den Weg zur Heilung des Menschen. »Wenn wir ihm die Frohe Botschaft bringen wollen, müssen wir den Menschen berühren.« Eine Einstellung, die nicht neu, trotzdem noch Randphänomen in der Kirche sei. Pfarrer Kneipp etwa, Theresa von Avila oder Hildegard von Bingen hätten solche ganzheitlichen Ansätze bereits verfolgt. »Sie würden heute vielleicht auch einen Wellness-Bereich eröffnen«, mutmaßt Schwester Andrea.

Rosenkranz und Wassertraining
Dass der Mensch im Kloster Arenberg ganzheitlich in den Blick genommen wird, ist überall zu spüren. Beim Essen, wenn die vollwertige Kost mit Gemüse und Früchten aus dem Klostergarten bereichert wird. Genauso beim Tautreten, bei besinnlicher Musik in der Kapelle, bei Walking, Bibelgespräch, Wassertraining, Rosenkranzgebet oder auch bei den Laudes um 6.30 Uhr. Beliebt im Angebot ist auch die Führung oder Mitarbeit im klostereigenen Kräutergarten.

Eine ganzheitliche Dichte, die den Gast berühren soll. »Für mich war das neu«, sagt etwa Roswitha Auster aus" Schloß Holte-Stukenbrock. Sie war zuvor schon in Wellness-Hotels und anderen Klöstern. Seit drei Jahren kommt sie regelmäßig nach Arenberg, weil die Vorzüge beider Angebote hier zusammenkommen.
»Für mich passt das ganz hervorragend, denn wenn mein Rücken massiert wird, wird auch meine Seele weich geknetet.«
Das kann Martin Hofmeir mehrmals am Tag miterleben. Als Theologe und Psychologe ist er, wie drei weitere seelsorgliche Mitarbeiter in seinem Team, für die Gäste ansprechbar. »Der große Blumenstrauß an Angeboten, der hier für die Menschen gebunden wird, lässt Gespräche mit einer besonderen Intensität zu«, sagt er. »Jemand, der von der Massage-Bank oder aus der Sauna kommt, ist doch ganz anders drauf.«
Er erfahre eine Empfänglichkeit, die nicht selten in kurzen Gesprächen große Schritte zulasse.

Das Ganze hat seinen Preis. Die Übernachtung mit Vollpension kostet etwa 90 Euro, hinzu kommen die Kosten für Anwendungen im Vitalzentrum. Preise, die manchen schmerzen, das gibt Hausleiter Grunau zu.
»Wenn jemand sagt, er käme gern, um eine Krise zu meistern, habe aber kein Geld, dann tut das weh.« Das Gästehaus muss sich selbstständig tragen, da bleibt wenig Platz für eine Öffnung für alle Sinnsuchenden. Die Preise selektieren: Nur wer Sorgen und Geld hat, kann sich das ganzheitliche Konzept leisten. »Das stimmt alle hier nachdenklich«, sagt Grunau. »Wir arbeiten an Lösungen, um andere Möglichkeiten zu schaffen.«

Denn die Chance, Ballast abzuwerfen und neue Kraft zu tanken, ist im Kloster Arenberg sicher einmalig. Wer kommt, kann dabei wählen, wie viel seelsorgliche Begleitung oder körperliche Entspannung er dafür braucht.
Und er erfährt einen deutlichen Unterschied zu den vielen »Wellness-Tempeln« andernorts: Hier geht es nicht um kurzfristige Erholung, sondern um nachhaltige Kraft aus dem Glauben. In Arenberg wird nicht der Kunde zum König, Jesus bleibt es. Auch wenn sich so mancher Gast nach seinen Erholungstagen wie ein kleiner König fühlt.