IMPULS FÜR DEN MONAT NOVEMBER 2019

Geheimnis der Welt

Sehr eilig und sozusagen in großer Not warf ich meine viel zu große Sonne in den Flur, rannte auf das bekannte Örtchen. Im selben Augenblick sah ich schon, wie meine große Schwester diese wunderbare Sonne im Waschbecken löschte.
Das ist meine älteste Erinnerung an St. Martin.
Ein bisschen Traurigkeit, weil ich die Sonne so schön fand.
Ich erinnere mich aber auch noch an die Rübenköpfe. Nur die großen Jungs durften sie tragen. Weit oben an Stangen befestigte, ausgehöhlte Zuckerrüben. Eine darin leuchtende Kerze, und die angeklebten Haare ließen sie aussehen wie Köpfe toter Menschen. Gruselig war es und dunkel und kalt und nass. Aber da war auch der Heilige, mit seinen weißen Handschuhen und dem dunkelroten Umhang, der mir eine Zuckerbrezel in die Hand drückt. Erst Jahre später stellte ich entsetzt fest, dass es mancherorts auch Weckmänner gab, Brote mit Pfeife. Und noch viel später erklärte mir jemand, die Pfeife sei eigentlich ein Bischofsstab. Das dicke und edle Seil als Absperrung vor dem großen Feuer, das jetzt am Schluss mein Gesicht wärmte. Der Schluss war eigentlich die Mitte. Von weit draußen mussten wir schließlich wieder zurück. Aber dennoch war es vorbei. Und so ging ich dem Geheimnis der Welt langsam, Jahr für Jahr nach, vielleicht auch entgegen. In einer ungemütlichen Zeit, in Dunkelheit, etwas ängstlich. Mit vielen anderen zusammen Lichter tragend.

Und ich verstand. Dort oben leuchten die Sterne, einer davon der Hl. Martin. Und hier unten leuchten wir. Gerade weil es kalt, dunkel oder gruselig ist. Und weil jemand im Leben zerbricht, teilte einer den Mantel und wir den Weg, und jemand half mir meine viel zu große Sonne zu tragen. Und das Geheimnis der Welt war zuckersüß und so gut an diesem wärmenden Feuer.


Einen guten November wünsche ich Ihnen
Michael Toth

 

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