Herbst-Trost


Wenn ich morgens im Kloster ankomme und auf mein Büro zugehe, leuchtet mir von einer Fensterbank eine Pflanze in sattem Lila entgegen. Ich habe mir sagen lassen, es sei eine Begonie. Jeden Morgen erhellt sie mein Gemüt. Und das, obwohl ich den Winter schon ahne.
Denn auch wenn wir in den letzten Tagen wundervolle goldene Herbsttage erleben durften, liegt seit einiger Zeit wieder dieser vertraute Nebel über Feldern und Straßen, der Herbst und Winter ankündigt. Am Morgen weckt mich der Wecker statt des Lichts. Und am Abend verabschiedet sich das Tageslicht viel zu früh. Weil ich es mag, wenn die Tage lang und hell sind, fällt mir der Winter schwer. Dazu drängt sich die politische Lage immer wieder in meine Gedanken.

In diese Gemütslage hinein leuchtet mir jeden Morgen das Lila der Begonie entgegen, völlig unbeeindruckt von meinen Launen. Dabei wird mir etwas klar: Die eine Wahrheit ist der langsam heranschleichende Winter. Die andere ist das leuchtende Lila.

Wenn sich im Herbst eine Extraportion Licht in die satten Farben mogelt, dann scheint es mir manchmal, als wolle die Jahreszeit selbst trösten. Dafür, dass die Tage kürzer werden, die Nächte länger und Himmel und Landschaft irgendwann grau. Wenn ich meinen Morgenkaffee schon nicht mehr im Hellen trinken kann, dann ist es mir Trost, die Bäume in ihren Gelb-, Rot- und Orangetönen zu sehen. Oder die Sträucher mit ihren leuchtenden Beeren. Auch hier gilt: Die eine Wahrheit sind die kürzer werdenden Tage. Die andere die satten Farben.

Diese Farben leuchten bald auch wieder auf den Erntedank-Altären in unseren Kirchen. Ich freue mich an der reichen Herbsternte aus dem Garten: an frischen Salatgurken, aromatischen Tomaten und würzigem Rucola. Zugleich weiß ich, wie verletzlich all das ist. Ich denke an die trockenen Wochen dieses Sommers, an Hitze, Wasserknappheit und Ernteausfälle. Und doch stehen auch hier zwei Wahrheiten nebeneinander: die Dankbarkeit für das, was gewachsen ist, und die Sorge um das, was uns herausfordert.

Der Herbst lehrt mich, dass vieles nebeneinander stehen kann. Und dass ich Trost erfahre. In Bildern von goldenem Licht und Farben, die mich über graue Tage tragen. Darin ahne ich Gott.
Dieser Trost nimmt nicht weg, dass Winter wird. Er nimmt auch mir auch nicht meine Sorgen um die gesellschaftliche Lage in unserem Land. Aber er stellt ihnen etwas an die Seite, das ebenso wahr ist:
goldenes Licht.

So wünsche ich Ihnen von Herzen ebenso einen Oktober voller Herbst-Trost!