Werler Anzeiger

Reden ist Silber...
Schweigen ist Gold

Von Schwester Margareta Lütteken, Ursulinenkloster

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold - Die Bedeutung dieses Sprichwortes habe ich in der letzten Maiwoche erfahren, als Ich mich mit meiner 90-jährigen Freundin aus Saarbrücken für acht Tage auf dem Arenberg bei Koblenz, dem Mutterhaus der Dominikanerinnen, und in ihrem Gästehaus getroffen habe.

Das Anliegen des Konventes und seiner Mitarbeiter lautet: „ Erholen – Begegnen – Heilen". Etwas ganz Wesentliches haben wir beide in diesen Tagen unseres Zusammenseins erfahren und mitgelebt: Die Bedeutung des Schweigens als Dienst der Menschlichkeit gegen den Lärm und Stress der Verkehrs- und Geschäftswelt, gegen das Getöse, Geschwätz und Werbegeschrei in allen Bereichen unserer hektischen, lauten und nerven-belastenden Umwelt. Nur von, wenigen Beispielen möchte ich erzählen, wie man auf dem Arenberg versucht, eine alter-native, erholsame Atmosphäre anzubieten.

Im helldurchleuchteten, gepflegten Foyer herrscht absolute Ruhe. Mit dem ersten Blick erkennt man im Raum eine souveräne biblische Keramik-Gestalt, einen flügellosen Engel? Er hält den Zeigefinger der linken Hand mahnend vor den Mund, mit dem der erhobenen Rechten unterstreicht er die Bitte um Stille. In bequemen Sesseln nutzen viele Gäste das Informations-Angebot eines Zeitungsständers - und - nirgends ein noch so leises Wort. Es gibt zwei Speiseräume, einen normalen und einen zweiten für Gäste, die ihr Essen im Schweigen verkosten möchten. „Bitte auch nicht flüstern", steht vor der Tür. Und auf jedem Tisch liegt ein Kärtchen: „Silentium-Wo keine Stille ist, findet das Wort keinen Raum".

Was will das besagen? Vieles Gerede und viele Wörter mögen zu unterhaltendem Geplauder oder zu Geschwätz führen, aber ein wesentliches Wort, das Aufmerksamkeit voraussetzt, kann nur in Ruhe wahrgenommen werden. Wir konnten an den täglichen Eucharistiefeiern des Konventes teilzunehmen. In. jeder Hl. Messe setzen sich Priester und Gläubige unmittelbar nach dem Evangelium zu einer Zeit stiller Besinnung hin, zu einer geräuschlosen Schweigepause, auch ohne Musik.
Es gibt manche Bereiche, z.B. einen Binnenhof mit wartenden, biblischen Gestalten im Umkreis eines Brunnens und das Vivarium des Gästehauses, in denen Ruhe erbeten und beachtet wird, aber auch im ausgedehnten Park. Dort gibt es ein Labyrinth.
Auf schlichtem Schild seitwärts des Weges steht zu lesen: „Bedenken Sie, dass mancher Gast das Labyrinth meditierend durchschreiten möchte; wir danken Ihnen, wenn Sie auch In der Umgebung des Labyrinths auf Ruhe achten". Es gibt keine Verbote, doch die Bitten sind offenbar für alle sich freundlich begegnenden Gästen Selbstverständlichkeiten. Ruhiges Verhalten und Schweigen sind Weisen einer rücksichtsvollen Kommunikation und schaffen eine Atmosphäre der Harmonie und des Friedens. Vieles erinnert an Taize.
Sie können sich kaum vorstellen, wie viele Menschen, weibliche und männliche Einzelgäste,iIn den Pfingsttagen auf dem Arenberg waren, in der wohltuenden Ruhe auf- und durchzuatmen und - so gut es geht - das Schweigen einzuüben.
Sprachlosigkeit ist noch kein Schweigen. Es will durch Besinnung des Menschen auf sich selbst zu innerer Ruhe führen, im eigenen Innern das Vielerlei des täglichen Lebens zu ordnen, es beiseite zu lassen, ganz Vieles an belastenden Gedanken, Sorgen, Ängsten und Plänen ehrlich loszulassen, von sich selbst Abstand zu gewinnen, von Gott solche Haltung zu erbitten und sich im Vertrauen ihm und seiner Führung zu überlassen.

Von besonderer Bedeutung ist" es, da die Zeit solcher „Arenberger-Oasen" ja begrenzt ist, zu bedenken, ob und wie es auch im kommenden Alltag gelingen kann, täglich eine kurze Schweigezeit zu finden, sie sich zu sichern. In gesellschaftlichen Veranstaltungen wird zuweilen um eine Schweigeminute für ein gemeinsames Gedenken gebeten. Wie viele Anlässe gibt es Tag für Tag, eine solche stille Minute in den eigenen Tagesrhythmus einzufügen, sich selbst und die eigenen Interessen eine Weile zu vergessen, um an den Anliegen und Sorgen benachbarter Menschen, an dem Elend, dem Leiden und dem grenzenlosen Unrecht in unserer Welt Anteil zu nehmen.

In seinem Buch „Gottesgedanken" empfiehlt  Jörg Zink folgende Gebetsworte: „Schweigen möchte ich Gott, und auf dich warten. Schweigen möchte ich, damit ich verstehe, was in deiner Welt geschieht. Schweigen möchte ich, damit ich den Dingen nahe bin, allen deinen Geschöpfen und ihre Stimmen höre. Ich möchte schweigen, damit ich unter den vielen Stimmen die deine erkenne ..."