Wellness im Namen des Herrn

Nordic Walking, Aromamassage und Sprudelbad zwischen Laudes, Rosenkranz und Vesper. Die Dominikanerinnen vom Koblenzer Arenberg verbinden dies in ihrem „Vier-Sterne-Kloster“ hoch über dem Rhein. Sie bieten Ihren Gästen Wellness für Leib und Seele

Text und Fotos: Elke Kolb

Warmes Lavendelöl fließt über meinen Rücken. Sanfte Hände massieren es in die Haut. Sphärenmusik dringt an mein Ohr. Ich verstumme und genieße. Schweigend lockert Schwester Andrea verkrampfte Muskeln. Wärme durchströmt den Körper, der feine Duft besänftigt die Nerven, und mir ist, als schwebte ich auf Wolken durch den orangefarbenen Raum. Nach einer halben Stunde hüllt mich die Ordensfrau in ein weißes Tuch, wünscht „einen schönen Tag und entschwindet, während ich das unbeschreibliche Gefühl totaler Entspannung noch in mir nachklingen lasse. sein."

Drei Tage im Kloster leben und durchatmen. Schwester Annuntiata, die Gästebetreuerin, eilt mir mit wehenden Rockschößen voraus. Der Wegführt durch das lichtdurchflutete Foyer, wo Männer und Frauen auf ziegelfarbigen Sofas in Zeitungen blättern. Wohltuende Ruhe umfängt den Gast, die nur alle halbe Stunde vom tiefen Klang einer alten Standuhr durchbrochen
wird. Ein paar Stufen höher lockt das Klostercafe mit Kaffee und Kuchen. Im unteren Bereich des Hauses sind wir im Herzstück des Klosters angelangt, dem Vitalzentrum, einer Wohlfühloase, die mit Brandungsbad, Farb-Licht-Magnetfeldtherapie und Aromamassagen gestresste Menschen ihrem Alltag entrückt. Wellness in Reinkultur. Auch wenn die Arenberger Schwestern diesen Begriff nicht besonders lieben. Weil das, was der Gast während seines Klosteraufenthalts hier genießt, nicht nur dem Körper gut tut, sondern auch Geist und Seele belebt und inspiriert.



Kräuterschwester Josefa


Schwester Annutiata

Nichts erinnert mehr an die Bäderabteilung des Kneippkurheims, das die Ordensfrauen 50 Jahre lang in diesen Räumen betrieben hatten. Veränderungen im Gesundheitssystem, die nicht mehr zeitgemäße Ausstattung und unzureichende Angebote ließen den Betrieb in die roten Zahlen rutschen.

Hinzu kam, dass immer weniger Schwestern aufgrund ihres hohen Alters (im Durchschnitt 74 Jahre) mitarbeiten konnten, der Klosternachwuchs ausblieb und dafür weltliche Mitarbeiter eingestellt werden mussten.
Im Jahr 2000 stand der Orden vor seiner schwersten
Entscheidung: Entweder das Aus für die veraltete Einrichtung hinnehmen oder mutig Neues wagen. Der Konvent der Dominikanerinnen entschied sich fürs Überleben. 15 Millionen Euro ließen sich die Schwestern den Um- und Neubau ihres Hauses kosten. Geld, das aus dem Verkauf geerbter Grundstücke und den Gehältern stammte, die Generationen von Dominikanerinnen mit ihrer Arbeit in eigenen Schulen, Krankenhäusern, Altenheimen und im Sanatorium erwirtschaftet hatten, Zuschüsse gab‘s weder vom Staat noch von der Kirche. „Es war ein Wagnis, das uns nicht leicht gefallen ist“, sagt Schwester Maris Stella, Priorin des Arenberger Mutterhauskonvents, „Doch mit unserem Konzept haben wir den Nerv der Zeit getroffen.
Und darüber sind wir heute froh."
Vorbei am Schwimmbad, wo Schwester Andrea beim Aquafitnesstraining Männlein und Weiblein durch die Wellen dirigiert, gelangen wir in den Fitnessraum. Schmunzelnd steigt Schwester Annuntiata (68) aufs Laufband und marschiert in ihrem weiß-schwarzen Habit sportlich drauflos. .


Von der Dachterrasse aus sehen wir den Rhein im Sonnenlicht glitzern.
Das Deutsche Eck und die Festung Ehrenbreitstein sind nah. Doch wer erst mal die Auffahrt zum Kloster passiert hat, will so schnell nicht wieder weg.
Wer Stille sucht, findet sie hier. Nicht in einer engen Zelle bei Wasser und Brot, sondern im komfortablen Gästezimmer mit Blick ins Grüne und Vollpension auf Vier-Sterne-Niveau. Fernseher und Internetanschluss kosten extra. Aber wer braucht das schon bei all den Angeboten, mit denen die Schwestern ihre Gäste verwähnen, Auch das Spirituelle gehört dazu. Doch wird niemand nach seiner Religion gefragt. Jeder ist willkommen und kann seinen Aufenthalt beliebig gestalten.
6.20 Uhr. Im alten Chorgestühl des Mutterhauses beginnt das Morgenlob der 66 Dominikanerinnen. Schwester Annuntiata schiebt mich in die erste Reihe und hilft mir, die richtigen Textstellen im Buch zu finden, um in den Wechselgesang einzustimmen. 7Uhr. Frühaufstehertreffen sich zum Tautreten auf der Wiese. Feuchte Kühle unter nackten Füßen machtmunter. In Turnschuhen geht‘s dann zum Walken rundum den weitläufigen Klosterpark, vorbei an lauschigen Sitzecken, Obstbäumen und Lavendelfeldern.
Noch ein paar Dehn- und Streckübungen, dann teilt sich die Gruppe. Während sich die einen bereits Frischkornbrei mit Obst und knusprige Brötchen schmecken lassen, zieht‘s die anderen in den siebten Stock zum frommen „Impuls in den Tag“. Ich besuche Schwester Josefa im Kräutergarten. Jahr für Jahr ernten die Schwestern hier rund 350 Kilo Tee. „Wir benötigen große Mengen für unsere Gäste“ sagt die 46-Jährige. Besucher sind hier stets willkommen, wer mag, darf bei der Ernte mithelfen.
Beim Abendessen lasse ich mir gleich mehrere Tassen des aromatischen Getränks nachschenken. Nur zu den Mahlzeiten trifft man in den Speiseräumen viele Menschen, mit denen man reden oder auch schweigen kann.
Da ist die gestresste Mutter, die einfach mal ausspannen will, die Frau aus dem Ruhrgebiet, der die Familie zum 60. Geburtstag einen Klostergutschein schenkte. Oder der grauhaarige Mann, der nach dem Tod seiner Frau Trost und Kraft sucht. Vier ausgebildete Seelsorger kümmern sich auf Wunsch um Sorgen und Nöte der Gäste. „Wir können keine Problemlösungen anbieten. Aber wir können die Menschen ein Stück des Wegs begleiten", sagt Bernhard Grunau, weltlicher Verwaltungsdirektor im Kloster Arenberg. Vor sieben Jahren kam er ins Haus, um gemeinsam mit den Dominikanerinnen das marode Kurheim zu retten.
99 Betten sind heute zu knapp 75 Prozent ausgelastet.
Die Preise sind so kalkuliert, dass sie dauerhaft eine „schwarze Null“ sicherstellen sollten. „Wegen der hohen Personalkosten können wir allerdings noch nicht kostendeckend arbeiten“, bedauert Grunau. Eine Preiserhöhung über das Maß der gestiegenen Lebenshaltungskosten hinaus lehnt er ab. Auch abspecken kommt nicht in Frage: „Wir fragen nichtprimär danach, was der Mensch will, sondern danach, was er wirklich braucht. Wo sollen wir da noch sparen?“ Eine Lösung der Probleme erhofft sich Grunau durch die Gründung eines Förderkreiss.
Zunehmend kommen auch Gäste aus der Umgebung.
Grunau:
„Kurzurlaub liegt im Trend. Der früher übliche Dreiwochenurlaub wird mehr und mehr abgelöst durch Atempausen von drei bis fünf Tagen, in denen die Menschen Krafttanken, um das Arbeits- und Alltagsleben besser bewältigen zu können oder der Frage nachgehen, wofür sie eigentlich leben.“