Massage für die Seele Urlaube im Kloster liegen im Trend.

Was man dort findet? Wir sind dem Geheimnis bei einer Auszeit auf den Grund gegangen.


Text: Antonia Groll
Fotos: Kloster Arenberg

Meine Mutter hatte es immer befürchtet: Eines Tages würde ich ins Kloster gehen. Der Auftraggeber: mein Chef. Die Mission: „Du musst dich dringend erholen!", was leider stimmt. Genau jetzt, wo Denken nur noch bedeutet, To-do-Listen zu erstellen, wo das Sich-Wahrnehmen in der Frage besteht, wann das störende Kopfweh wohl wieder vorübergeht, und wo Glauben von der Wucht des hektischen Alltags erdrückt wird.
Also werde ich mich erholen ‒ und zwar bei den Dominikanerinnen in Koblenz-Arenberg. Ich freue mich auf die Stille. „Kloster Arenberg. Erholen ‒ Begegnen ‒ Heilen" lese ich auf einem Schild. Das Anwesen auf den Hügeln über Koblenz ist malerisch, abgeschieden und glänzt liebevoll gepflegt und bilderbuchähnlich in der Nachmittagssonne.

Stille zu finden: Es ist viel schwerer, als ich dachte.

Aber ist es wirklich still? Ich höre noch immer das Brausen von Autos. Es ist eine andere Art von Stille, die ich hier finden werde, hoffe ich. Wie schwierig das allerdings werden würde, ahne ich in diesem Moment noch nicht.
     
„Was für ein Programm", entfährt es mir, als mir die Dame an der Rezeption den Wochenplan von Aquafitness und Vorträgen, Impulsen und Gottesdiensten bis hin zu Workshops im berühmten Kräutergarten zeigt. Das Gästehaus mutet fast wie ein Hotel an. An der Rezeption herrscht reger Betrieb, Mitarbeiterinnen geben geschult Antwort, im Foyer vertiefen sich Gäste in Zeitungen, andere unterhalten sich im Cafe oder kaufen im Klosterladen Aroma-Massageöl, Zitronenmelissen-Tee oder Klosterhonig.

Insgesamt 85 Mitarbeiter und zehn Schwestern arbeiten im Haus, das direkt an die Wohnräume der rund 70 Dominikanerinnen anschließt. Für sie ist es normal, sich ihr Paradies mit bis zu 100 Gästen zu teilen. Schon 1954 beherbergte das mehr als 140 Jahre alte Kloster ein Kneipp-Sanatorium, allerdings mit weniger Betten. 2001 musste es geschlossen werden: Das Konzept war überholt, die Kosten explodierten, es gab kein Marketing. „Untergang verwalten oder Zukunft gestalten, das war unsere Wahl", erinnert sich Schwester Beatrix, Leiterin des Hauses.
Dass sich die Auslastung von damals rund 35 auf heute fast 80 Prozent gesteigert hat, ist dem Mut der Schwestern zu verdanken. Ohne Zuschüsse von Staat oder Kirche beschlossen sie mit einer Projektgruppe ein Konzept, das die ganzheitliche Gesundheitsförderung von Pfarrer Sebastian Kneipp  ins 21. Jahrhundert transportieren sollte.
In einer drei Jahre langen Planungs- und Bauphase wurden alte Gemäuer mit modernen, teils gläsernen Gebäudeteilen verbunden. Ein lichter Anblick. Im Untergeschoss befindet sich das „Vitalzentrum" mit Schwimmbad, Sauna, Fitnessstudio und Massageangeboten.
Wellness im Kloster? Wie das zusammenpasst, frage ich mich.

„Waren Sie beim Morgenimpuls? Haben Sie mit den Schwestern Rosenkranz gebetet? Solche Fragen werden Sie von uns nicht hören", begrüßt Schwester Beatrix am nächsten Tag die neuen Gäste mit frischer Kräuterbowle. „Wir fragen auch nicht: Sind Sie katholisch, evangelisch oder ausgetreten? Ihr Aufenthalt hier soll Ihnen gut tun an Leib und Seele." Trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen: Den ersten Nachmittag habe ich komplett verschlafen ‒ bis mein Wecker mich zum köstlichen Abendessen rief, das man in einem der Speisesäle auch schweigend einnehmen kann. Und obwohl ich am liebsten ein weiteres Nickerchen einlegen würde, gehe ich nach dem Frühstück pflichtbewusst zum Nordic Walking und dann zur „Einführung in christliche Meditation". Der Seelsorger des Hauses, Martin Hofmeir, schildert dort, wie schwer es vielen Gästen fällt loszulassen: „In der äußeren Abgeschiedenheit kann innerlich so manches hochkommen, was man gern zu Hause gelassen hätte".

Der Schlüssel liegt darin, Zeit für Gott zu haben.
Entsprechend aktiv gestalteten viele anfangs ihr Programm: „Absolute Stille wäre eine Überforderung." In der Meditationsrunde am Nachmittag spüre ich es: Ich kann meine Gedanken nicht wegschieben, kann nicht aufhören, Ideen für meinen Job zu sammeln. Aber deshalb hat mich mein Chef doch nicht hergeschickt? Worum es gehen muss ‒ immer wieder im Leben ‒, wird beim Impuls zur Nacht in der Hauskapelle klar: „Das Urlicht freilegen, in unserem tiefsten Inneren, das so leicht vom Lärm der Welt und seinen Billigangeboten verschüttet wird." Erst beim gemeinsamen Beten mit den Schwestern, erst im nachdrücklich wiederholten „Erholen Sie sich gut hier" begreife ich, dass sich das „Urlicht" in der Seele nicht auf Knopfdruck einschalten lässt.
„Hier wird alles getan, damit man sich selbst etwas Gutes tut, sich etwas Gutes tun lässt", sagt Ulrike Gottlob, die schon zum dritten Mal Gast in Arenberg ist. Sie liebt es, durch die weitläufigen Gartenanlagen mit ihren zahllosen Apfelbäumen, Nischen zum Rasten und weidenden Schafen zu wandeln. Wichtiger als die Anwendungen im Vitalzentrum ist ihr das spirituelle Angebot. „Hier kommt alles so wunderbar zusammen: die Erholung, die Ruhe und die gemeinsame Suche nach Gott. Ganz alleine schafft man es nicht, Gott näher zu kommen." So treffen die Medienberichte über Urlaub im Kloster auch nicht den Kern, weil darin meist nur von der „Zeit fürs Ich" die Rede ist. Der Weg zum Ich aber führt über Gott. „Nicht die einfache Kehr zu sich selbst rettet", lesen wir bei Benedikt XVI., „sondern die Wegkehre von sich in den rufenden Gott hinein." Gott erfahren wir gerade in der zwischenmenschlichen, sorgenden Liebe, der Agape. Benedikt XVI. bezeichnet sie als „Weg zur
Selbstfindung, ja, zur Findung Gottes".























Manche der Gäste sind krank, viele auf der Suche.
Nicht einfach nur Freizeit und Ruhe, sondern gelebte Nächstenliebe ist das Geheimnis des Klosterurlaubs. „Man fühlt sich getragen, weil hier so viel gebetet wird. Das merkt man im Haus, da schwebt so was mit", sagt ein protestantischer Gast. Die Gründe für den Aufenthalt wiegen oft schwer: „Zu uns kommen Menschen, die todkrank sind, Trauernde, Suchende, mit Beziehungsproblemen, Burn-Out und Midlife-Crisis. Es geht darum, für sie Eintrittstore zu ihrem Inneren zu schaffen. Das können Seelsorge- oder Beichtgespräche sein, auch aber die Begegnung mit anderen Gästen. Die Erkenntnis: Meine Not ist klein im Vergleich zu der des Menschen, der neben mir steht." Zu helfen, das sei zentrales Anliegen der Dominikanerinnen. „Und ein Grund für Hilfebedürfnis ist heute Erschöpfung, in vielen Gewändern." Zwei Sätze von Seelsorger Hofmeir klingen besonders in mir nach. Erstens: „Ich bewundere alle Gäste, die es schaffen, trotz all unserer Angebote nichts zu tun." Zweitens: „Wer ausgeschlafen ist, betet intensiver." Von fünf Prioritäten, die er uns mit auf den Weg gibt, steht Schlaf zur allgemeinen Überraschung an erster Stelle. Danach Bewegung, Gebet, Freunde, Arbeit. Wer diese Reihenfolge konsequent einhalte, arbeite konzentrierter, so Hofmeir.

„Ruhen" wird zu meinem Lieblingswort. „Eine halbe Stunde nachruhen", sagt die Betreuerin im Vitalzentrum, als ich schlaff im Kristallbad liege, das nach süßem Rosenöl duftet, und schläfrig den Lichtern zusehe, wie sie sich unter Wasser im Rhythmus der sanften Musik bewegen. Prompt schlafe ich danach in meinem Zimmer ein, bis mich die Klosterglocken zur Eucharistiefeier wecken, für die ich nun offener bin. Auch die Rücksichtnahme der anderen Gäste hilft, den Motor auslaufen zu lassen. Am dritten Tag bin ich nicht mehr müde. „All jene, die immer die Kirche kritisieren" sagt Ulrike Gottlob, die bereits ihren nächsten Klosterurlaub plant, „sollte man nach Arenberg führen. Jeder wird hier so genommen, wie er ist. Es ist die beste Werbung für die Kirche."

Kein leichter Abschied, aber ich nehme etwas mit.
Die Offenheit zieht auch Nachwuchs an: „Für mich kam es gar nicht in Frage, ins Kloster zu gehen", verrät Schwester Ursula, „aber als ich Arenberg kennenlernte, war es um mich geschehen." Dieses Detail erzähle ich meiner Mutter natürlich nicht. Es gibt vieles, was man nicht erzählen kann, wenn es um das eigene Urlicht geht. Im Gästebuch umschreibt es einer so: „Danke, dass ich hier SEIN durfte." Worte wie „Stille" und „Leben in Fülle" tauchen immer wieder auf. Es wird noch stiller werden in Arenberg: Bald sollen die Speisesäle von Geräuschen abgeschirmt werden. Doch die Stille in sich ‒ sie ist eine, die man mit nach Hause nimmt.