Stern Reisebericht

Urlaub beim Herrn

Ganz im Sinne des heiligen Benedikt öffnen die Klöster ihre Türen auch für Gäste, die einfach nur Entspannung suchen. In ARENBERG warten die Nonnen zudem mit besonderen Angeboten auf:
Wer Wellness will, findet hier Sauna, Laufband, Schwimmbad - und fröhliche Gastgeberinnen
Von ULI HAUSER und GREGOR LENGLER (Fotos)


Seit dem Mittelalter sind Frauenklöster Schulen der Meditation. Die steht in Arenberg auch für Besucher auf dem Programm

Der liebe Gott muss richtig gute Laune machen. Schwester Scholastika, 38, sitzt unter einem Apfelbaum und kichert wie ein Kind. Sie würde wohl auch in die Luft springen, ohne sich ihrer Freude zu schämen. ‚je länger ich hier bin", sagt Schwester Scholastika, "umso glücklicher und gelassener werde ich." 13 Jahre ist sie nun schon im Kloster. Und wer sie sieht, denkt: So gut möchte ich auch drauf sein, jeden Tag. "Kein Problem", sagt die Schwester, "machen Sie sich auf den Weg!"
Der erste Schritt: ein Urlaub im Kloster. Geht nicht? Das geht schon ewig und drei Tage. "Jedem erweise man die gebührende Ehre" schreibt der heilige Benedikt in seiner Ordensregel, "Gäste nehme man auf wie Christus selbst." Hinter dicken Mauern hat jedes Kloster ein paar Zimmer frei. Besucher können eine Zeit lang das Leben der Mönche oder Nonnen teilen, mit ihnen reden und schweigen, früh um vier aus dem Bett kriechen und abends um acht wieder hinein. Es gibt Exerzitien, Kräuterwochen und Fastenkuren.

Kapelle im Kloster Atrenberg
Den siebten Stock des Gästehauses
krönt eine
kahle Kapelle - "unfertig
wie wir Menschen"



Aus Calendula-Blüten,
die die Schwestern Maria
Caritas und Egfrieda zupfen,
wird Ringelblütensalbe





Scholastika und ihre Schwestern probieren zudem etwas ganz Neues: Wellness im Kloster, Aquafitness und Herz-Jesu Gebet, gregorianische Gesänge und Gelenktraining, Meditation und Massage. Ganzheitliche Erholung für Leib und Seele. Bäder mit Brandungsrauschen, Heusack und Heißluft. Nach Jahrhunderten mönchischer Plackerei hat das Christentum seinen ersten Club Med. Die Nonnen tragen Namensschilder. "Da haben wir uns was angelacht" sagt Schwester Maris Stella, 67, die Chefin des Hauses.

SEIT FAST 140 JAHREN betreiben die Arenberger Dominikanerinnen Krankenhäuser in Berlin, im Rheinland und in Bolivien. Neben ihrem Stammhaus in Koblenz bauten sie ein Kneipp-Sanatorium auf, mit den Schwestern wurden auch die Gäste älter. Das Durchschnittsalter der 60 Nonnen liegt bei 72 Jahren. "Also mussten wir uns überlegen, ein neues Angebot zu machen'~ sagt Maris Stella. "Dominikanerinnen sind immer mit der Zeit gegangen"
Anfangs gab es ein bisschen Verwirrung, ob dazu auch eine Sauna nötig sei. So nackt wollten einige doch nicht vor Gott treten. Dann aber haben die Schwestern und ihre Mitarbeiter sich für das Heißluft-Dampfbad entschieden, und sie haben sich auch reingeschafft in Computerprogramme und Tabellenkonstellationen, Powerpoint - Präsentationen und Networking.

Wer im Internet die Worte "Urlaub" und "Kloster" eingibt, landet hier, in einer hellen hohen Halle mit Sitzgarnituren und einer großen Kaffeemaschine. Im Innenhof Buschwerk aus Engelstrompeten und Kuchen mittags ab zwei, im Keller Schwimmbad und Fitnessraum. Manchmal sieht man Gästeschwester Annuntiata auf dem Laufband; sie ist die Schnellste von allen. Gelegentlich bleibt sie an Türklinken hängen mit ihrem Rosenkranz, wenn sie zu hastig mit der Zeit geht.


Programm für Körper und Geist: Das Tautreten am Morgen regt den Kreislauf an

Den siebten Stock des kühnen Neubaus krönt eine kahle Kapelle mit Bleiglas und Sichtbeton. "Ein bewusst unfertiger Raum, unfertig wie wir Menschen" sagt Schwester Scholastika. Jeden Morgen lädt sie zur Einstimmung auf den Tag, und abends wird die Nacht begrüßt. Von der Dachterrasse geht der Blick über die grünen Kuppen der Eifel, bei Sonnenschein windet sich silbern der Rhein. Das Rheintal, das romantische, mit seinen Burgen und Weinkellern liegt zu Füßen des Arenbergs. Das Deutsche Eck und die Festung Ehrenbreitstein sind nicht weit. Doch niemand kommt ins Kloster, um es gleich wieder zu verlassen, die Gäste bleiben, um die Reise nach innen anzutreten.

Gebet in der Kapelle
In die Gästekapelle laden die
Schwestern zur Andacht
Die Teilnahme ist freiwillig




Klostercafe

Wer möchte, kann sich auch
nur im Klostercafe auf die
Sonnenterrasse setzen und
den lieben Gott einen guten
Mann sein lassen



Kloster Arenberg
Seit kurzem erhebt hinter
dem fast 140 Jahre alten
Stammhaus der
Dominikanerinnen ein Neubau,
in dem die Nonnen Wellness
aller Art anbieten



Schwimmbad im Kloster
Da darf ein Schwimmbad im..
..."Vitalbereich" nicht fehlen




Kräuterschwester
Schwester Irmintraut hat
ein grünes Händchen.
Ihre Spezialitäten sind
eine Bowle aus Eisenkraut,
Fruchtsalbei und Minze
sowie Quittenmarmelade











PLATON SAGTE, nur wer sich selbst verstehe, könne das Universum begreifen. "Geh in deine Zelle, sie wird dich alles lehren", sagten die frühchristlichen Asketen. Im dritten Jahrhundert zogen sie in die unbegreifliche Einsamkeit aus Sand und Stein.

Sich selbst zu finden, um vielleicht Gott zu erkennen, war damals ziemlich angesagt. Tausende verließen die Städte.
"Denn das sah ich wohl ein", schrieb Hermann Hesse, "der ganzen Welt Wahnsinn und Rohheit vorzuwerfen, dazu hatte kein Mensch und kein Gott ein Recht, ich am wenigsten. Es musste also in mir selbst allerlei Unordnung sein, wenn ich so mit dem ganzen Weltlauf in Konflikt kam."

Aus den Schulen der Stille in Höhlen und Hainen entwickelten sich die Klöster. Mönche waren die ersten Singles. Wer es in Arenberg mit sich allein schwer aushält, kann zur Ablenkung einen Fernseher aufs Zimmer bestellen. Die Schwestern drängen sich nicht auf; sie bieten eine Art Kloster für Anfänger. "Sich selbst zu ertragen und seinen Fragen nicht auszuweichen" sagt Schwester Scholastika, "das ist sehr anstrengend, jeden Tag aufs Neue."
Die ehemalige Lehrerin hat auch ihre Krisen, "regelmäßig, sie gehören zum Leben". Lange hat sie mit sich gerungen, ob sie nicht einen Mann haben wolle und Kinder. "Die Sehnsucht nach dem geistigen Leben war am Ende stärker." Schwester Scholastika, die früher Edith hieß, sagt das ohne Pathos, es klingt wie selbstverständlich.

Im Hotel Gottes entwickeln sich schnell intensive und anregende Gespräche. "Es tut gut, sich austauschen zu können" sagt eine Theaterregisseurin aus Hannover. Sie ist hier, um aufzutanken und ihrem Leben "eine neue Orientierung" zu geben. Viele Gäste bleiben drei Wochen. Es braucht Zeit, sich an die Stille zu gewöhnen. Diejenigen, die ins Kloster gehen, machen stets die gleichen Erfahrungen: Erst kommt die Müdigkeit, dann die Leere, allein und ohne Abwechslung zu sein. Erst wenn die Fluchtgedanken verjagt sind, kann die Arbeit an sich selbst beginnen. "ICH WAR REIF FÜR DIE INSEL", sagt eine Erzieherin. "Aber statt zum Flughafen bin ich hierher gefahren" Auf den ersten Blick sei bei ihr alles in Ordnung, erzählt sie:
gutes Einkommen, intakte Familie, viele Freunde. "Aber die innere Unruhe werde ich nicht los. Das Wissen, selbst zu kurz zu kommen, und die Frage, was gibt dem Leben wirklich einen Sinn?" Die Stille, sagt Schwester Scholastika, fördere viele ungelöste Fragen aus dem Unterbewusstsein ans Licht. Hier könne man sie in Ruhe betrachten.

Täglich gibt es Lektionen im stillen Leben, Lesungen und Vorträge, Einführungen in Atemtechniken wie das Herzensgebet: ein jahrtausend altes Ritual um die Mitte des Menschen, das seine Ursprünge hat in uralten Yogi-Traditionen. Auch für die Weisheiten des Buddhismus und anderer Religionen sind die Schwestern offen. Mehr aber faszinieren sie die Geheimnisse ihres Glaubens und die Spurensuche, die Wiederentdeckung verloren gegangener Spiritualität. Im Mittelalter waren vor allem Frauenklöster Schulen der Meditation. Körpererfahrung, Leibesübungen, Anleitungen zum Glücklichsein. Mystikerinnen wie Teresa von Avila, Mechtild von Magdeburg, Katharina von Siena - ihre Wahrheiten bleiben aktuell. Sie sprechen vom Wachstum nach unten: die Karriere in der Welt gegen eine Karriere nach innen zu tauschen.

Man sollte versuchen, bei sich zu Hause zu sein, sagt Schwester Scholastika.
Um diese Form von Heimweh erträglich zu machen, muss man in Arenberg auf wenig verzichten. Das Essen ist köstlich und reichlich, Gemüse und Obst kommen aus dem Garten, die rahmige Milch liefert der Bauer nebenan. Die Kühlschränke im Klosterkeller sind gefüllt mit Riesling und Sekt zum Selbstkostenpreis.

Wer nur Erholung sucht, ohne zu viel über sich in Erfahrung bringen zu wollen, geht zu Schwester Irmintraut in den Kräutergarten und probiert ihre Bowle aus Eisenkraut, Fruchtsalbei und Minzen, nascht von ihrer Quittenmarmelade oder gibt sich der himmlischen Sehnsucht bin, unter einem schwer beladenen Obstbaum zu liegen und seine sonnenwarmen Gedanken sausen zu lassen.
Oder er sieht den Schwestern zu, wie sie in aller Seelenruhe Calendula-Blüten zupfen, um daraus Ringelblütensalbe zu machen. Die Schwestern heißen Modesta, Maria Caritas und Egfrieda, sie sprechen von Wonne und Demut und über ihre Hotline zu Gott: "Rufe mich an am Tag der Not." So steht es in den Psalmen, sagt Schwester Maria Caritas. Sie zitiert Meister Eckhart und die Weisheiten anderer Mystiker. Besonders liebt sie den Satz der Teresa von Avila, dass ungenießbar ist, wer nicht genießt.
So gehen die Tage dahin in Gottes heiterer Enklave, mit vielen Anregungen und frommen Wünschen. Wer mehr will, kann ja zurückkehren und mit Schwester Scholastika bei einem Latte Macchiato übers geistige Leben plaudern und den Mut zur eigenen Wahrheit. Und sie fragen, wo Gott sich versteckt hält in diesen Tagen. Und Schwester Scholastika wird wahrscheinlich wieder fein lächeln und sagen:
"Ich weiß es nicht, Gott ist unbegreiflich" Und dann wird sie forteilen zum Chorgebet und mit ihrer hellen, klaren Stimme ein Liebeslied anstimmen.