FESTLICH
Im Foyer des Klosters stellen die Schwestern
jedes Jahr vor Weihnachten ihre geschnitzten Krippenfiguren auf



Stille Tage im Kloster


Einkaufs-Trubel, Plätzchen-Marathon, Geschenk-Stress? Bei den Dominikanerinnen in Arenberg nahe Koblenz ist davon nichts zu spüren Hinter den Klostermauern können Besucher Kraft tanken und sich auf eine ruhige Zeit freuen...

Text: Markus Dietsch
Fotos: Guido Ohlenbostel, Matthias Jung

AUSBLICK
Ihre Fenster schmücken die Nonnen mit Strohsternen



EINBLICK
Schwester Wilhelma (8o)
zeigt Tanja die Bücher in
der Kloster-Bibliothek




GESUND
In der Kräuter-Werkstatt lagern die Heilpflanzen für Tees und Salben




MORGENGEBET
Wenn sich die Schwestern in der Kirche versammeln, dürfen auch die Gäste mitsingen




SEELSORGERIN
Elke Lackmann hört den Besuchern gut zu: „Viele kommen mit Sorgen hierher"




ENTSPANNT
Erika (l.) und Marianne beim Spaziergang mit Schwester Gertrud


Es ist halb sieben. Noch eine Stunde bis zum Sonnenaufgang. In der Klosterkirche haben sich 50 Ordensschwestern versammelt. Stille. Nur das Rascheln der weißen Gewänder ist zu hören. Dann tragen drei Nonnen mit hohen, glockenklaren Stimmen die „Laudes" vor; ihr Morgengebet. Nach der ersten Strophe stimmen die anderen Schwestern ein.
Auf der schmalen Holzbank ganz rechts im Chorgestühl sitzt Christiane (44) aus Frankfurt. Ergriffen lauscht sie dem Gesang der Nonnen. Nach dem Gebet bringt eine Schwester sie und fünf weitere Besucherinnen zurück ins Foyer des Gästehauses. „Der frühe Morgen ist meine Lieblingszeit im Kloster", sagt Christiane. „Draußen ist noch alles dunkel und still. Aber die Schwestern starten mit einer Fröhlichkeit in den Tag, die ansteckend ist!"
Seit sechs Tagen macht Christiane Urlaub im Kloster Arenberg. Es liegt an einem Berghang 200 Meter über dem Rhein bei Koblenz (Rheinland-Pfalz). Für ihr 15 qm großes Einzelzimmer im zweiten Stock des Gästehauses zahlt Christiane81 Euro pro Nacht, inklusive Vollpension.
„Eine Bekannte hat mir vom Mutterhaus der Dominikanerinnen in Arenberg erzählt - und vom Motto des Klosters: „Erholen,  begegnen, heilen“. Das gefiel mir. Ich rief dort an, reservierte ein Zimmer für eine Woche."

Die innere Mitte finden

Erholung hat sie bitter nötig, findet Christiane. Ihre Arbeit als Kreditberaterin bei einer Bank stresst sie sehr. „Ständig bekomme ich Druck vom Chef, trotz der vielen Überstunden. Vor Weihnachten ist es besonders schlimm. Dann fühle ich mich wie in einem Hamsterrad, bin ausgebrannt, leer.
Die Adventszeit kann ich gar nicht mehr richtig genießen. Das wollte ich dieses Jahr ändern!"
Christiane steht auf, nimmt den Fahrstuhl zur modernen Besucherkapelle    im siebten Stock des Gästehauses. Um 8.15 Uhr steht der „Morgenimpuls" auf dem Programm.
„Den will ich nicht verpassen!" Gut 20 Kloster-Gäste sitzen auf gepolsterten Holzstühlen. Auch zwei Nonnen sind gekommen. Aus den Lautsprechern klingt leise Entspannungsmusik.
Vor dem Altar steht Elke Lackmann (37), eine von drei Seelsorgerinnen im Kloster Arenberg. Sie räuspert sich, ihr Thema heute: „Die innere Mitte finden".
Elke Lackmann weiß: „Viele Gäste kommen hierher, um eine Auszeit vom Alltag zu nehmen, wieder zu sich selbst zu finden. Manche tragen eine schwere Last mit sich: Krankheit, Trennung, Tod des Partners, unerfüllter Kinderwunsch. Hier können sie über ihre Sorgen sprechen. Und Denkanstöße finden."

Zum Frühstück gibt’s Kornbrei

Knapp 4000 Gäste kommen pro Jahr ins Kloster Arenberg. 80 Prozent davon sind Frauen. Die meisten bleiben fünf bis sieben Tage, übernachten in Einzelzimmern. Aber auch Paare sind willkommen. Es gibt 59 Einzel- und 20 Doppelzimmer. Alle mit Dusche und Telefon, aber ohne Fernseher.

Denn hinter den Backsteinmauern des 1868 gegründeten Klosters soll sich der Geist erholen und der Körper gestärkt werden. Seit vier Jahren haben die Schwestern des Dominikanerordens auch ein eigenes „Vitalzentrum":
Mit Schwimmbad, Sauna, Massageräumen.
Marianne (73) aus Bingen und Erika (71) aus Werne sind schon zum dritten Mal hier. Die früheren Kolleginnen sind seit 50 Jahren befreundet. „Weil wir fast 300 Kilometer auseinander wohnen, sehen wir uns leider nur selten", sagt Marianne. „Im November machen wir immer eine Woche Urlaub im Kloster.
Hier haben wir ganz viel Zeit für Gespräche. Wir genießen die Ruhe, gehen zu den Stundengebeten der Schwestern, nehmen an Meditationskursen teil oder machen Wassergymnastik im Schwimmbad. Das alles sind ja nur Angebote, keine Pflichten. Wenn mir danach ist, bleibe ich morgens auch mal im Bett!"
Nach dem Frühstück (Frischkornbrei, Käsebrötchen und Obst) drehen Marianna und Erika eine Runde durch den Klostergarten. Unterwegs treffen sie Schwester Gertrud (59). Sie arbeitet am Empfang des Gästehauses, beantwortet geduldig alle Fragen.
Marianne möchte wissen, wie die Nonnen Weihnachten feiern. Schwester Gertrud lächelt: „Ganz besinnlich mit Tannenbaum und Krippe. Es gibt sogar Geschenke - für jede Schwester eins. Heiligabend ist um 21 Uhr Christmette in der Kirche. Danach ziehen wir uns zum Beten in unsere Kammern zurück."
Im Kloster Arenberg scheinen die Uhren langsamer zu gehen. Oder ganz anzuhalten. Wie die alte Standuhr im Foyer, deren Zeiger den ganzen Tag auf zwanzig vor zehn stehen. Die Stimmen der Gäste auf den Plüschsofas sind gedämpft. Aus der Ferne hört man das leise Brummen der Autos auf der Landstraße.

Vor dem großen Fenster zum Innenhof sitzt Tanja (32) aus Bad Münstereifel, einen Krimi auf dem Schoß.
Sie schwärmt: „Diese Ruhe - einfach traumhaft! Hier kann ich das Alleinsein genießen und ganz viel lesen!" Tanja macht zum ersten Mal eine Woche Urlaub im Kloster - ohne ihren Ehemann. „Ich will mich von meinem anstrengenden Job bei der Versicherung erholen, Zeit für mich haben. Er fand das okay."
Sie genießt es, mal nicht so viel reden zu müssen. Auch bei den Mahlzeiten. Zum Mittag holt sie sich Brokkolisuppe und vegetarische Maultaschen vom Büffet, geht in den kleinen Speisesaal. Dort wird schweigend gegessen. Eine ältere Dame setzt sich zu ihr. Die beiden nicken sich freundlich zu.
Wortlos essen - für Tanja eine tolle Erfahrung. „Man ist nicht abgelenkt, genießt jeden Bissen. Zu Hause neige ich dazu, ganz viele Dinge auf einmal zu erledigen: Essen, reden, Radio hören, Zeitung lesen. Das strengt an. Und man macht nichts richtig. Gestern hat eine Nonne erklärt: „Du kannst nur eine Sache zur Zeit tun, und die tue ganz!' Ich will versuchen, das in Zukunft zu beherzigen."

Wohlfühl-Tee aus dem Klostergarten

Nachmittags geht Tanja in die Kräuterwerkstatt. Der ganze Raum riecht nach Minze und Zitronenmelisse. Zwei Schwestern sortieren getrocknetes Johanniskraut, Salbei und Frauenmantel aus dem Klostergarten.
Tanja hilft ihnen dabei, die richtige Mischung für den „Wohlfühl-Tee" in 50-Gramm-Tüten zu füllen. Für 3,90 Euro werden die später im Klosterladen verkauft. ! Zwei Stunden bleibt Tanja in der Werkstatt. Die Arbeit macht ihr Spaß. „Man muss dabei nicht nachdenken, kann den Duft der Kräuter genießen!"

Draußen ist es dunkel geworden.In der Kirche treffen sich die Nonnen zur Vesper,  ihrem Abendgebet. Christiane sitzt wieder mit im Schwesternchor. Es ist ihr letzter Abend in Arenberg. Morgen fährt sie zurück nach Frankfurt.
„Schade, die Woche im Kloster verging wie im Fluge. Aber ich habe neue Kraft getankt.  Jetzt kann ich mich auf Weihnachten freuen. Und ich bin mir sicher: Nächstes Jahr komme ich wieder!"