Stille, Klarheit, Inspiration


Was wir vom im Kloster lernen Das innere Gleichgewicht wiederfinden auch im hektischen Alltag: Deutschlands bekanntester Mönch, der Benediktiner-Pater Anselm Grün, erklärt, wie es geht

Text: Markus Dietsch


Ruhender Pol
Pater Anselm Grün von der Benediktinerabtei Münsterschwarzach schöpft Kraft aus der
festen Tagesstruktur in seinem Kloster




Birgit (33) und Ehemann Markus (36) stöbern im Klosterladen nach Büchern mit weisen Sprüchen



Sich Zeit für seinen Körper nehmen
Bankkauffrau Christiane (44) aus Frankfurt gönnt
sich eine Auszeit im Dominikanerinnenkloster
Arenberg bei Koblenz (Rheinland-Pfalz).
Im modernen Vitalzentrum des Klosters genießt
sie tägliche Massagen und ein Fitness-Programm




Neue Kraft schöpfen durch die Stille
Die Gästezimmer im Kloster sind meist einfach eingerichtet. Auch bunte Bilder, ein Radio oder
einen Fernseher gibt es hier nicht. „Nur wer die
Stille zulässt, kann aus sich selbst heraus
neue Kraft schöpfen", sagt Pater Anselm Grün




Dem anderen zuhören, auf ihn eingehen
Birgit (33) und Markus (36) sprechen im Kloster Gerleve mit Benediktiner-Pater Daniel Hörnemann
über die Zukunft ihrer Partnerschaft. Sie sind sich einig: „Reden ist die wichtigste Basis für eine funktionierende Beziehung und lange Liebe."

Diese Stille. Einfach himmlisch! Christiane (44) sitzt auf einem bequemen Ledersessel im lichtdurchfluteten Kloster-Foyer und lauscht. Nur das Ticken der alten Standuhr ist zu hören. Draußen vor dem Fenster gehen zwei Nonnen über den Rasen, die Köpfe leicht geneigt. Offenbar sind sie ins Gebet vertieft.
Für Christiane aus Frankfurt ist die Ruhe im Kloster Arenberg von unschätzbarem Wert. Seit fünf Tagen macht sie Urlaub bei den Dominikanerinnen nahe Koblenz in Rheinland-Pfalz. Hier will sie sich erholen von ihrer Arbeit als Kreditberaterin bei einer Bank. „Seit der weltweiten Finanzkrise ist der Job kaum noch auszuhalten. Ständig bekomme ich Druck vom Chef, trotz der vielen Überstunden. Ich fühle mich ausgebrannt und leer." Christianes Hoffnung: „Hinter den dicken Klostermauern will ich meinen Akku aufladen. Damit mein Leben wieder lebenswert wird."
Die innere Mitte finden. Neue Kraft schöpfen. In Einklang mit sich selbst kommen. Der bekannte Seelsorger und Buchautor Pater Anselm Grün vom Benediktinerkloster Münsterschwarzach kennt die tiefen Sehnsüchte der Menschen. Er ist überzeugt: „Vom einfachen Leben der Nonnen und Mönche können Sie viel für ihren Alltag lernen."

Der Rhythmus des Lebens
Morgens um halb sieben. Noch eine Stunde bis zum Sonnenaufgang. In der Klosterkirche Arenberg haben sich 50 Ordensschwestern versammelt. Stille. Nur das Rascheln der weißen Gewänder ist zu hören. Dann tragen drei Nonnen mit hohen, glockenklaren Stimmen die „Laudes" vor, ihr Morgengebet. Nach der ersten Strophe stimmen die anderen Schwestern mit ein. Auf der schmalen Holzbank ganz rechts im Chorgestühl sitzt Christiane. Ergriffen lauscht sie dem Gesang der Nonnen. „Der frühe Morgen ist meine Lieblingszeit im Kloster", sagt Christiane. „Draußen ist noch alles dunkel. Aber die Schwestern starten mit einer Fröhlichkeit in den Tag, die wunderbar ansteckend ist." Gebete zum Morgen, zum Mittag und zum Abend. Dazwischen eine genau festgelegte Mischung aus Arbeits- und Ruhezeiten: So sieht der Alltag im Kloster aus. Pater Anselm Grün weiß: „Die Gäste sind immer wieder von der klaren Tagesstruktur beeindruckt, in der wir Mönche und Nonnen leben. Wenn sie sich auf unseren Rhythmus einlassen, spüren sie auf einmal, dass er auch ihnen gut tut und dass er sie wach hält. Alles bekommt seine Zeit. Das gibt den Menschen Sicherheit und Zuverlässigkeit."

Aus sich selbst schöpfen
Im Kloster Arenberg liebt Christiane die Momente der Stille: im Foyer mit der alten Standuhr. Im Meditationsraum neben der Kapelle. Und im kleinen Speisesaal, wo mittags nur schweigend gegessen wird. „Richtig Ruhe gönne ich mir normalerweise nie. Im Büro, beim Einkaufen -überall Hektik und Lärm. Und sobald ich zu Hause bin, schalte ich gleich das Radio oder den Fernseher ein. Warum eigentlich?"
 
Im modernen Großstadtleben haben wir die Stille und das Alleinsein verlernt. „Manche haben sogar Angst davor", sagt Pater Anselm Grün. „Da könnten ja unangenehme Gefühle oder Gedanken hochkommen." Dabei ist regelmäßiges Alleinsein wichtig für unser Wohlbefinden. Ein Blick aus dem Fenster, ein Spaziergang im Park, eine stille Stunde mit einem Becher Tee auf der Wohnzimmercouch. Pater Anselm Grün: „Auf diese Weise sortieren wir unsere Gedanken und Gefühle, spüren, was uns guttut und was nicht. Und schöpfen wieder neue Kraft aus uns selbst."

Das Miteinander pflegen

Im Kloster kann man aber auch viel über die Partnerschaft lernen, Birgit (33) und Markus (36) aus Münster in Westfalen haben das gemacht. Vor ihrer Hochzeit besuchten sie ein Ehevorbereitungs-Seminar in der Benediktinerabtei Gerleve. In der Abgeschiedenheit des Klosters sprachen sie drei Tage lang mit anderen Paaren über grundlegende Fragen der Beziehung.Zum Beispiel: Was verbindet uns? Welche Erwartungen haben wir an die Ehe? Und wie können wir mögliche Krisen überstehen? Birgit weiß: „So viel Zeit für Gespräche nehmen wir uns im hektischen Alltag nur ganz selten. Dabei ist Reden doch die wichtigste Basis für eine funktionierende Partnerschaft und lange Liebe."
Dem anderen zuhören, auf ihn eingehen, seine Grenzen respektieren, zusammen lachen und traurig sein - für die Nonnen und Mönche im Kloster gehört das zum Alltag. Pater Anselm Grün: „Das Leben in der Gemeinschaft ist ein ständiges Ausloten von Nähe und Distanz. Nur so ist ein Miteinander, ob innerhalb oder außerhalb der Klostermauern, auf Dauer möglich."

Leib und Seele Gutes tun
Jeder kennt das Sprichwort: „Nur in einem gesunden Körper steckt auch ein gesunder Geist." Nur: Oft halten wir uns nicht daran. Wir verzichten auf Bewegung und Sport, weil uns die Zeit dafür fehlt. Oder weil wir zu bequem sind. „Ordensleute legen großen Wert auf die Ausgewogenheit zwischen geistiger Tätigkeit und körperlicher Bewegung", sagt Pater Anselm Grün. „Damit Körper und Seele im Einklang sind."

Auch Christiane hat diese Ausgewogenheit für sich entdeckt. Im Kloster Arenberg geht sie jeden Tag spazieren, besucht Kurse in Gymnastik und Yoga. Am Ende ihres einwöchigen Urlaubs sagt sie: „Ich fühle mich frisch und entspannt, mein Kopf ist wieder klar. Jetzt kann ich mit neuem Schwung in den Alltag starten."