Whirlpool statt Weihrauch

Erst die Fitness, dann das Gebet, heißt es immer öfter hinter deutschen Klostermauern. Nach Auskunft der Deutschen Ordensobernkonferenz in Bonn sind es in Deutschland knapp 300 Klöster, die Gäste aufnehmen.

Text: JUDY MUHAWI











Erst die Fitness, dann das Gebet, heißt es immer öfter hinter deutschen Klostermauern. Nach Auskunft der Deutschen Ordensobernkonferenz in Bonn sind es in Deutschland knapp 300 Klöster, die Gäste aufnehmen. »Konfessionelle Grenzen gibt es nicht«, so Arnulf Salinen, Sprecher der Bonner Ordensobernkonferenz. Besonders zur Weihnachtszeit und zur Karwoche häufen sich die Anfragen. Wobei die Weihnachtszeit mittlerweile ja ohnehin die einzige Zeit im Jahr ist, an der die Kirchen einmal voll sind. Und gerade wegen der rückläufigen Besucherzahlen und finanzieller Engpässe mussten sich die Klöster und Gemeinden neue Einnahmequellen suchen.

In früheren Jahrhunderten lebten die Gemeinschaften gut von Spenden, Schenkungen, Erbschaften und der unentgeltlichen Arbeit ihrer zahlreichen Mönche und Nonnen. Diese Einkünfte tendieren heute gegen null, und Geld von den Kirchen oder vom Staat erhalten die Orden nur für bestimmte Maßnahmen, etwa Zuschüsse, um Gebäude zu renovieren. Die meist gemeinnützigen Unternehmungen der Schwestern und Brüder werden daher inzwischen nach marktwirtschaftlichen Regeln geführt. Wo ein Haus nicht aufgegeben werden soll und kann, muss ein neues Konzept her. Und so meistern viele Geistliche den Spagat zwischen Hotelmanagement und Klosterleben.

VITALZENTRUM KLOSTER ARENBERG

So auch im 1868 gegründeten Kloster Arenberg über dem Rheintal bei Koblenz. Bis 2000 war das Kloster ein bekanntes Kneipp-Sanatorium. In den letzten Jahren stagnierte jedoch die Nachfrage, die Gäste wurden älter und kamen seltener, nicht zuletzt deshalb, weil die Krankenkassen die Kneipp-Kuren nicht mehr bezahlten. Das Heim wurde unrentabel. Den weltlichen Gesetzen der Buchführung folgend, drohte der Ruin. Die Ordensschwestern stellten sich die Frage: Wollen wir hier unseren Untergang verwalten oder Zukunft gestalten? So entschieden sich die weltweit rund 200 Nonnen des Ordens für einen kompletten Neuanfang. Mit Ersparnissen und dem Verkauf von klostereigenen Immobilien finanzierten sie dann den 15 Millionen Euro teuren und besonders umweltfreundlichen Um- und partiellen Neubau des Gästehauses. Entstanden ist ein 99-Betten-Hotel mit Vitalzentrum und 85 weltlichen Mitarbeitern. Gäste können sich dort ab 85 Euro pro Nacht in einem der Zimmer einmieten. Die Auslastung seit dem Umbau hat sich nach eignen Angaben verdreifacht. Auffällig sei, dass heute zunehmend auch jüngere Menschen ab 30 Jahren kämen, wohingegen es früher kaum einen Gast unter 70 gegeben habe. Meist sind es Frauen, die kommen, Männer sind deutlich in der Minderzahl. Viele besuchen inzwischen das Kloster mehrmals im Jahr, um sich eine Auszeit vom Alltag zu genehmigen.

WELLNESS MIT GOTTES SEGEN

Erholen - Begegnen - Heilen. So lautet der neue Wahlspruch des Hauses. Morgenmeditation und Rückenmassage, Nordic Walking und geistliche Gespräche, Solarium und Kapelle gehören in Arenberg zusammen. Wellness im Kloster? Auf den ersten Blick sicher eine ungewöhnliche Kombination. Doch viele Ruhesuchende versprechen sich hinter den dicken Klostermauern neue Energie und Kraft. Das Konzept scheint aufgegangen zu sein und die rund 4000 Gäste im Jahr nehmen es dankbar an.
Gleich am ersten Tag bekommen die Besucher so etwas wie einen Stundenplan. Um sieben Uhr kann dann gemeinsam mit nackten Füßen durchs taunasse Gras gestapft werden, danach heißt es selbstgemachte Zwiebelbonbons lutschen, Minigolf
im Klosterpark spielen oder am Nachmittag bei der Wirbelsäulengymnastik sein Rückgrat lockern und zwischendurch das Beten nicht vergessen.
Die Ordensschwestern betonen jedoch, dass es im Kloster Arenberg kein Muss gibt, es gebe nur viele Kanns. Jeder sei willkommen. Jeder Tag könne völlig frei gestaltet werden. Lediglich fürs Essen gebe es feste Zeiten.
»Wellness-Kloster« ist der Spitzname, den die Medien Arenberg gegeben haben. Manchem erscheint es befremdlich, dass eine Nonne nackte Haut von Frauen wie von Männern massiert. Als Zeugen der Verteidigung führen die Klosterfrauen mittelalterliche Autoritäten wie Meister Eckhart an, der voller Liebe über Seele und Leib gesprochen hat. Die im Durchschnitt 72-jährigen Schwestern möchten sich ausdrücklich von den üblichen Wellnessanbietern distanzieren, die mit teuren Cremes und aufwändigen Behandlungen oft für viel Geld neuen Stress stiften. »Wir sind keine Schönheitsfarm«, sagt Schwester Andrea.

MÖNCH AUF ZEIT

Schweigsame Mönche in Kutten, alte Gemäuer mit langen, dunklen Gängen: Dieses Bild haben viele Menschen vor Augen, wenn sie an ein Kloster denken. Und noch etwas anderes verbindet man mit solch einem Ort: absolute Ruhe und Abgeschiedenheit. Dass Laien für eine Weile ins Kloster gehen, um abseits von Stress und Alltagssorgen zu sich selbst zu finden, ist nichts Neues. Relativ neu ist jedoch, dass einige Klöster oder geistliche Häuser in Deutschland ihre Räumlichkeiten nutzen, um spezielle Programme für Wellness und Entspannung anzubieten. Hierher führt die Sehnsucht nach einer heilen Welt, die weit verbreitet ist in Zeiten gedrückter gesellschaftlicher Stimmung - frei sein, high sein, ein Quäntchen Sanctum muss dabei sein. Das Weihrauch-Klima lockt an, und die erfahrbaren Klosterwerte liegen auch im Trend. Es ist paradox: Besucher auf Zeit drängen immer mehr in die Klöster, Mitglied für immer will kaum noch jemand werden. Doch wie viel Weltlichkeit verträgt eine klösterliche Gemeinschaft, wie viel Profanität die christliche Spiritualität? Die Zeit wird es zeigen.