Aufbruch zu neuen Ufern


Erholen, Begegnen und Heilen im Kloster Arenberg

Text: Kirsten Gläsel

Die Wellness-Branche boomt seit Jahren. Eine permanent zunehmende gesellschaftliche Leistungsorientiertheit, wie sie in der heutigen Zeit gefordert wird, fordert ihre Opfer. Neben stressbedingten psychischen Leiden, wie dem Burnout-Syndrom, können auch körperliche Beschwerden vom Tinnitus über Magenentzündungen bis hin zu „einfachen" Verspannungen als symptomatisch gelten und auf seelische Erkrankungen zurückzuführen sein.

Mit Hilfe von Thai-Massagen, Ayurveda-Anwendungen oder Kleopatra-Bädern sollen Körper und Seele zur Ruhe kommen und zu der dringend benötigten Erholung gelangen. Wellness bietet Entspannung, indem sie sich traditioneller Methoden aus verschiedenen Kulturkreisen ‒ je nach Bedürfnis auch in individuell abgeänderter Variante ‒ bedient, und kann als Phänomen der Postmoderne betrachtet werden.
Seit einiger Zeit betätigen sich auch Ordensfrauen in diesem Bereich und bieten einen Aufenthalt in einer Art, Wellness-Kloster zur Steigerung des persönlichen Wohlbefindens an. Massagen, Saunieren, Zen-Meditation und Ordensfrauen ‒ passt das zusammen? Es passt zusammen ‒ und das sogar sehr gut! Die Arenberger Dominikanerinnen sind eines der Beispiele weiblicher Ordensgemeinschaften, die den Schritt gewagt haben, ihr bisheriges Tätigkeitsfeld zu modifizieren und somit auf neuen Wegen Menschen zu erreichen.
Dabei stellt die Beschäftigung der Dominikanerinnen im Wellness-Bereich eine extravagante Apostolatsform dar, die ein rar gesätes, wenn nicht sogar einmaliges ganzheitliches Gesundheitskonzept beinhaltet. „Erholen ‒ Begegnen ‒ Heilen" lautet das Motto im Kloster Arenberg seit dem Jahre 2000, in dem sich die Schwestern zu neuen Ufern aufgemacht und zusammen mit ihren ungefähr 80 Mitarbeiterinnen, davon 15 Männer und 65 Frauen, ein zeitgemäßes Konzept entwickelt haben, das stets weiterentwickelt wird. Dies geschieht unter der Berücksichtigung ihrer eigenen Tradition, zu der eine über 50-jährige Erfahrung in der Gesundheits-Lehre Sebastian Kneipps aus ihrem einstigen Kneipp-Sanatorium gehört. Die Geschäftsleitung teilen sich die Ordensfrauen inzwischen mit einem weltlichen Mitarbeiter.

Das Element Wasser
Nicht zuletzt aufgrund der eigenen Tradition nimmt das Element Wasser eine zentrale Rolle in der Gesamtkonzeption der Dominikanerinnen ein. Der wichtigste theologische Aspekt des Wassers ist in der Taufe zu sehen, die den Menschen durch Tod und Auferstehung Christi zum Erlösten werden lässt und ihn in den Lebensrhythmus Gottes buchstäblich eintaucht. Wasser gehört unweigerlich zum Leitbild des Klosters Arenberg und beinhaltet in seiner symbolischen Dimension den Hinweis auf die Quelle menschlichen Heils: „Wasser reinigt, läutert, klärt, löst. Wasser heilt." So wird es in einer Broschüre des Klosters beschrieben. Wasser soll Zugang verschaffen: Zugang zu Gott und zu sich selbst, zur eigenen Seele, zur eigenen Mitte. Die Dominikanerinnen nutzen die heilende Kraft des Wassers in zahlreichen Feldern ihres Tätigkeitsbereiches. So beginnt das körperbezogene Tagesprogramm montags bis samstags mit Tautreten. Das barfüßige Laufen durch taufrisches Gras stellt eine intensive Form des kalten Fußbades dar, das belebend und zugleich abhärtend auf den Körper wirkt. Neben verschiedenen Bädern und Aquafitness bietet das Kloster, angelehnt an die eigene Tradition, Anwendungen nach der Lehre Sebastian Kneipps in zeitgemäßer Form an. Dabei beziehen sich die Mitarbeiterinnen und Schwestern im Rahmen ihres Gesundheitskonzeptes auf die fünf Säulen Kneipps, wovon das Wasser eine Säule bildet. Die Elemente Bewegung, Heilkräuter, Ernährung und Lebensordnung stellen die anderen Säulen dar, wobei der Aspekt, Lebensordnung im Kloster Arenberg als Spiritualität bezeichnet wird.

Einklang von Körper und Seele
Es geht um ein modernes Gesundheitskonzept, das den Menschen ganzheitlich berühren und heilen soll. In diesem Rahmen werden Körperbotschaften als Botschaften der Seele interpretiert. Das Ziel besteht darin, die Signale des eigenen Körpers wahrzunehmen und diese als Zeichen der Seele zu entschlüsseln. Die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und der Einklang von Körper und Seele bedeuten Heilung des Menschen, die durch eine Entwicklung vom „Körper, den ich habe" zum „Leib, der ich bin" erreicht werden soll. Mit diesem anthropologischen Gesamtkonzept stehen die Schwestern in der Tradition christlicher Mystikerinnen, wie z.B. Hildegards von Bingen oder Meister Eckharts.
Die insgesamt zehn mitarbeitenden Schwestern wirken in der Hausleitung, im Kräutergarten, in der Gästebetreuung, der Küche, dem Klosterladen, der Seelsorge und dem Vitalzentrum mit. Dennoch werden die meisten Gäste von Mitarbeiterinnen, wie z.B. Physiotherapeutinnen oder Masseurinnen, behandelt. Schwester M. Andrea erklärt: „Die Angebote werden zum großen Teil von unseren Mitarbeiterinnen angeboten, wir als Ordensgemeinschaft bieten den Raum und arbeiten mit. Für die Gäste ist das wichtig, denn sie empfinden diesen Raum als Schutzraum, wo sie auch alleine Urlaub machen können."

Erholung und Selbstfindung
Das Gästehaus des Klosters Arenberg steht Personen zur Verfügung, die Urlaub machen, zur Ruhe kommen wollen oder auch auf der Suche sind. Es steht ebenso Menschen offen, die sich in schwierigen Lebensphasen befinden, z.B. an schweren Krankheiten leiden oder eine Zeit der Trauer durchleben. Die klösterliche Ruhe und Stille wirkt unterstützend bei den Prozessen der Erholung und der Selbstfindung. Bisher konnten im Kloster Arenberg vorwiegend weibliche Gäste ‒ von kirchlichen Mitarbeiterinnen bis zu Besucherinnen ohne kirchliche Sozialisation, von katholischen bis muslimischen Gästen ‒ verzeichnet werden. Täglich wird ein umfassendes Programm angeboten, das sowohl sportliche Elemente, wie Wirbelsäulengymnastik, Nordic Walking oder BBP-Training (Bauch, Beine, Po), als auch theologische und spirituelle Komponenten beinhaltet, denen z.B. in Form von christlicher Meditation oder Bibelgesprächen nachgegangen wird. Der Tagesablauf ist geprägt durch ein aus dem Wellnessbereich bekanntes Angebotsspektrum, verbunden mit Elementen, die aus dem klösterlichen Alltag stammen. So werden neben den oben genannten Programmpunkten nahezu täglich Impulse in den Tag in der Kapelle, sowie die Teilnahme zu Laudes, Mittagshore, Vesper, Rosenkranzgebet und Eucharistiefeier angeboten.
Ferner besteht die Möglichkeit, an Kursen aus dem Jahresprogramm des Klosters teilzunehmen, die sich über mehrere Tage erstrecken und zu denen beispielsweise Bildungsseminare oder Exerzitien gehören. Durch diese speziellen Tages- und Kursangebote unterscheiden sich die Arenberger Dominikanerinnen von anderen Wellness-Hotels. Zwar greifen auch die Schwestern und Mitarbeiterinnen des Klosters auf allseits bekannte traditionelle Heil- und Entspannungstechniken unterschiedlicher Kulturen zurück, wie z. B. Shiatsu oder Qi Gong. Dennoch ist der spirituelle und theologische Aspekt des hier vorliegenden Konzeptes zur Gänze christlich geprägt. Die Schwestern bieten denjenigen Menschen, die auf der Suche nach Gott, Sinn und sich selbst sind, Lebenshilfe und Orientierung entschieden aus dem christlichen Glauben und der christlichen Tradition heraus.

Der Wohlfühlgarten Gottes
Wer sich näher über das Kloster informieren will, kann dies über die Homepage (www.kloster-arenberg.de) tun. Zudem ist im März 2007 im Rowohlt Taschenbuch Verlag ein Buch über das Kloster Arenberg erschienen, das nunmehr bereits in der zweiten Auflage vorliegt. Das Werk mit dem Titel „Der Wohlfühlgarten Gottes. Mit allen Sinnen zu neuer Vitalität" umfasst insgesamt 253 Seiten und bietet neben einer Einleitung der Journalistin Iris Rohmann vier Beiträge, die von dem Mitarbeiter Dr. Martin Hofmeir und den Schwestern M. Josefa, M. Andrea und M. Scholastika verfasst wurden. Unter Einbeziehung der fünf Sinne „Sehen, Tasten, Hören, Riechen und Schmecken" ergänzen sich die Beiträge der Verfasserinnen, so dass dem Leser am Ende das ganzheitliche Gesundheitskonzept der Arenberger Dominikanerinnen deutlich vor Augen geführt wird. „Der Wohlfühlgarten Gottes" beinhaltet Lebenshilfen in Form von schriftlich fixierten Erfahrungen der Autorinnen. Man findet Ratschläge, um zu einer bewussteren Lebensweise zu gelangen, Anleitungen zur Meditation oder auch Beschreibungen der Vorgehensweise bei Kneipp-Güssen. Ebenso werden Rezepte für Spezialitäten aus dem Kloster sowie heilende Mittel zur Selbstanwendung z.B. bei Rücken- und Bauchschmerzen oder Migräne offenbart. Die Lektüre des Taschenbuchs holt das Kloster Arenberg und seine Heilmethoden ein Stück weit in das eigene Zuhause und vermittelt den Lesenden das Gefühl, einen Kurztrip in dieser Wellness-Welt mit christlichem Profil am eigenen Leibe erfahren zu haben.

Die Spannung zwischen traditionell-klösterlichen Elementen und modern aufgezogener Gesundheitstherapie, bei der die Dominikanerinnen als Angehörige eines traditionellen katholischen Frauenordens Einflüsse anderer Kulturen zulassen und, mehr noch, diese aktiv in die Heilverfahren mit einbeziehen, macht das Konzept interessant und attraktiv. Im Kloster Arenberg liegt somit auch ein gelingender apostolischer Ansatz vor, der die christliche Botschaft in der heutigen Zeit auf außergewöhnliche Art und Weise erfahrbar macht.

Kirsten Gläsel, Jg. 1983, ist katholische Theologin und Doktorandin am Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Ruhr-Universität Bochum. In ihrer Dissertation setzt sie sich mit Transformationsprozessen katholischer Frauenorden in der BRD zwischen 1960 und 1985 auseinander.