Der Duft von Eden


Zu Gast im Kräutergarten des Kloster Arenberg






»Wir warten auf Regen«, sagt Schwester Josefa und blickt durchs Fenster hinaus auf ihre Kräuterbeete, die sich schon unter Staub und Hitze zu ducken beginnen. Sie hört das Gras nicht wachsen, und genau das ist es, was ihr Sorgen macht.

»Die Natur wird sich wehren«, sinniert sie — aber eine Lösung hat sie auch nicht parat. »Nur im Kleinen kann ich die Natur erhalten.«
Vor ein paar Jahren hat die Ordensschwester sich zur Gesundheitspädagogin ausbilden lassen — mit dem Schwerpunkt Heilpflanzen. Ihr erster Arbeitsplatz lag ihr damals schon zu Füßen: der ehemalige Gemüsegarten des Kloster Arenberg. Seit ein paar Jahren hegt und pflegt die ehemalige Kinderpädagogin gemeinsam mit zwei Mitschwestern eine Kräuteranbaufläche von über 4.000 Quadratmetern.

»Ich fühle, wie ich im Garten Dienst am Leben tue, am einfachen Leben, mit den Händen in der Erde, mit den Käfern, dem Unkraut bei Wind und Wetter. Leben, das ist für mich Wachsen, ein Wachsen zu Gott hin.«
Von ihrem Arbeitszimmer aus, in einem Seitenflügel des Kloster Arenberg, kann die Dominikanerin ihren Garten aber auch weit übers Land sehen und das mag sie, denn auf dem Land ist sie aufgewachsen, hier an der Mosel. Schon als Kind wurden Wiesen und Weinberge, für sie zu Orten ihrer Träume. Jetzt im Sommer ist Erntezeit auf dem Arenberg: Minze, Melisse, Salbei, Thymian, Spitzwegerich — die Pflänzchen mussten fleißig von den Schwestern begossen werden, bevor sie zu kleinen Heilern reifen konnten. Aufwendig installierte Regensammeltonnen im Kloster sorgen für eine umweltentlastende Bewässerung.

Auch in diesem Jahr können die Kräuterschwestern den Klosterladen und die Hausgäste mit ausreichend wohltuenden Tees versorgen. Schwester Josefa sagt: »Der Garten hat mich gelehrt, dass Gott uns so viel schenkt — den Überfluss, die Fülle. Keine Pflanze gleicht der anderen. Keine ist überflüssig. Nichts ist zuviel.«

Es sind meist Tees, die die Schwestern aus den Kräutern gewinnen, aber manchmal wandert das Grünzeug auch in den Salat. Es sind all die guten Heilkräuter mit Stoffen und Säften, die Beschwerden lindern und Krankheiten heilen können.

Ja, das alte Wissen um die Kräuterheilkraft stammt tatsächlich aus dem Kloster: Die ersten Mönche kamen um 700 nach Christus über die Alpen — im Gepäck hatten sie Stecklinge und Samen. Das Symbol des Kreuzes diente als Einteilung für die Gartenbeete, und Hildegard von Bingen gab im 12. Jahrhundert den angebauten Heilpflanzen den Vorzug vor Wildkräutern. Der Dominikaner Albertus Magnus berichtet in seinen Schriften von Fruchtfolge und Brachejahr, von Gründüngung und Bodenbearbeitung.

Es waren die Nachkriegsjahre des letzten Jahrhunderts mit ihrer Hinwendung zur Chemie, in denen das Wissen um die Kräuterkraft brachlag, doch längst besinnen die Menschen sich wieder auf die alte Volksmedizin.
Beim Gang durch den Kräutergarten erblickt Schwester Josefa eine Schnecke im Salbei. »Die können uns ordentlich zu schaffen machen, dagegen ist kein Kraut gewachsen.« Dennoch ruft sie dem kleinen Kriecher einen fröhlichen Gruß zu — und lässt ihn ziehen.

Stille liegt über dem Garten, nur ein Vogel singt im Baum. Langsam kommt eine sehr alte Mitschwester den Gartenweg hinauf. Das Weiß ihres Gewandes hebt sich kaum ab von der hellen Mittagssonne, bloß der schwarze Schleier wölbt sich unter dem auffrischenden Wind.
Es ist wohltuend, den Garten mit allen Sinnen zu erleben, das achtsame Wahrnehmen von Formen, Farben, Düften lässt Gegenwart spürbar werden. Ja, ein Garten kann hören und sprechen — in einer wortlosen Sprache der Schönheit, der Fülle, des schöpferischen Reichtums.

Welche Pflanzen tummeln sich noch im Garten? Da muss die Kräuterfrau nicht lange überlegen: Fenchel, Liebstöckel, Rosmarin, Wermut, Brennnesseln, Eberraute, Mariendisteln —und noch ein bisschen mehr.
Ein >Apothekergarten< gleich nebenan zeigt anhand eines Lehrplans, welche Pflanzen wie und wogegen helfen. In den Beeten für Magen- und Darmerkrankungen warten beispielsweise Leinsamen, Fenchel und Estragon auf ihren Einsatz, gegen Unruhe bringt die Natur Johanniskraut und Zitronenmelisse hervor und der Spitzwegerich hilft gegen Husten und Insektenstiche.

Ein paar Schritte weiter im Duftgarten versprühen Pflänzchen mit ätherischen Ölen eine betörende Süße. »Ich lerne jeden Tag ein bisschen mehr, auch mitten in der Arbeit die Gedanken anzuhalten und mich dem Duft der Pflanzen zu überlassen. Allem Lebendigen und Wachsenden nahe zu sein, führt fast unweigerlich in eine meditative Haltung und in ein stilles Zwiegespräch mit dem Schöpfer. Auch meine Gebete haben sich durch die Erfahrungen im Garten verändert. Sie sind einfacher geworden und weiblicher.«