Himmel und Wellness
Im Kloster Arenberg kümmern sich Dominikanerinnen um Körper und Seele
Text: Claudia Rometsch


Nonne am Fitnessgerät: Im Kloster Arenberg
bei Koblenz bringen einen die Dominikanerinnen
richtig in Form


Die Dame in dem eng anliegenden rot-blauen Gymnastikanzug rüttelt an den Gewichten des Bauchmuskeltrainers. „Können Sie mir helfen? Ich bekomme das Ding einfach nicht in Gang“, wendet sie sich an das Personal. Eine Szene aus einem ganz normalen Fitnessstudio? Nein, die Fitnessgeräte stehen in einem Klosterkeller. Und die Trainerin heißt Schwester Annuntiata. Zwar hat sie die 60 schon überschritten, aber mit den Fitnessgeräten kennt sie sich trotzdem aus.

Ein Fitnessstudio im Kloster - so etwas gibt es nur bei den Dominikanerinnen in Koblenz-Arenberg. Dass die Ordensfrauen damit Aufsehen erregen, versteht sich von selbst.
Mit dem geschäftigen Treiben und der Schickimicki-Atmosphäre eines Wellness-Hotels hat Kloster Arenberg aber nichts gemein. Das spürt der Gast, sobald er durch die schwere Flügeltür der Klosterpforte tritt. Die Hektik des Alltags wird bei der Ankunft abgegeben.

Das neue Vitalzentrum ersetzt den ehemaligen Kurbetrieb

Im lichtdurchfluteten Foyer begrüßt Schwester Annuntiata die Gäste meist freundlich, aber bestimmt mit dem Ratschlag „Kommen Sie erst einmal zur Ruhe.“ Bei der resoluten Schwester klingt das fast wie ein Befehl.
Die Gäste lassen sich auf den Terrakotta farbenen Sofas nieder. Hier ist es weder laut noch hektisch. Eine Glasfront öffnet den Blick auf einen mit Buchsbaumrabatten bewachsenen Innenhof, in dem ein kIeiner Springbrunnen sachte vor sich hin-sprudelt.
In einer Ecke des Raumes schwingt eine alte Standuhr ihr Pendel gemächlich hin und her. Wenn ihre sanften Glockenschläge ertönen, ist wieder eine halbe Stunde vergangen. Vor zweieinhalb Jahren haben die Dominikanerinnen ihr altes Backsteingemäuer komplett umgebaut. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es als Kneipp-Sanatorium gedient.
Doch der Kurbetrieb rentierte sich nicht mehr. „Wir mussten uns entscheiden, ob wir den Untergang verwalten oder den Neubeginn gestalten“, sagt Oberin Schwester Maris Stella. Die Ordensfrauen setzten alles auf eine Karte und investierten ihr über Jahrzehnte gespartes Vermögen von rund 15 Millionen Euro in die Neugestaltung des Hauses.
Seitdem gibt es hier ein „Vitalzentrum“, das außer dem Fitnessraum noch ein helles, modernes Schwimmbad, eine Sauna und ein Solarium beherbergt. Neben Kneipp-Anwendungen können die Gäste sich nun mit ~Aromamassagen oder, Brandungsbädern verwöhnen lassen.
Wer möchte, kann den Tag im Kloster früh beginnen. Bereits um sieben Uhr versammelt sich eine kleine
Gruppe auf der Wiese vor der Pforte:
Tautreten steht auf dem Programm. Für viele Gäste ist das zunächst gewöhnungsbedürftig. Der feuchte Rasen fühlt sich kalt und glitschig an.
Doch als die Füße wieder warm und trocken in den Sportschuhen stecken, kribbeln sie angenehm warm. Dann ist „Walken“ angesagt: drei Runden durch den Klosterpark. Danach ist alle Müdigkeit verflogen.
Wer möchte, kann sich anschließend im wahrsten Sinne des Wortes dem Himmel nähern. Im siebten Stock des Neubaus liegt die wohl einzige Kapelle mit Fernblick auf die Mittelgebirge Westerwald, Hunsrück und Eifel.

„Hier wird nicht moralisiert, und niemand wird missioniert“

Hier lädt Seelsorger Martin Hofmeir zum „Impuls in den Tag ein, einer besonderen Form der Morgenandacht. Es geht um das Thema Verzeihen. Hofmeir liest eine Geschichte aus einem Buch und zitiert Bibelstellen.
Wer damit nichts anfangen kann, dem steht es frei, in dieser Zeit auszuschlafen oder schwimmen zu gehen. „Unser Erfolg ist die Offenheit“, sagt Verwaltungsdirektor Bernhard Grunau. „Hier wird nicht moralisiert, und niemand wird missioniert.“
Nach Weltanschauung oder Familienstand wird im Kloster niemand gefragt. Die Gäste bestätigen das. „Es ist nichts übertrieben fromm“, sagt Annemarie Stein. „Man kann sich völlig frei zwischen den Angeboten entscheiden.“
Die Besucher haben die Wahl zwischen Rückengymnastik, Körperzonentraining, Meditation, Aqua-Fitness, Entspannungstraining oder Nordic Walking. Ein normaler Wellness-Urlaub ist ein Aufenthalt im Kloster Arenberg dennoch nicht, sagt Iris Landen.
Die 35-Jährige ist bereits zum zweiten Mal bei den Schwestern zu Gast. „Ich habe auch schon Urlaub im Wellness-Hotel gemacht. Da geht es nur ums Äußere. Hier wird auch die Seele angesprochen.“
Wer etwas für die Sinne sucht, wird im Kloster ebenfalls fündig. Im Kräutergarten duftet es nach Thymian, Lavendel und Minze. In einem Holzhäuschen neben den Beeten schenken die Schwestern Tee aus, der aus frisch gepflückten Kräutern aufgebrüht wird. Hier werden auch Heilkräuter-Seminare gegeben.
Jeden Tag geht Schwester Irmingard durch den Garten und pflückt einen Korb voll Pfefferminze, Salbei, Thymian, manchmal auch Spitzwegerich, Johanniskraut oder Malve. Der Tee schmeckt jeden Abend etwas anders, denn je nach Laune ändert die Ordensfrau die Rezeptur von Tag zu Tag.
Offenbar sind die Dominikanerinnen mit ihrem Konzept in eine Marktlücke gestoßen. Rund zweieinhalb Jahre nach der Eröffnung ist ihr Gästehaus zu 70 Prozent ausgelastet. „Davon können derzeit viele Hotels nur träumen“, stellt Verwaltungsdirektor Grunau zufrieden fest.
Vielleicht sind die Koblenzer Ordensfrauen ja sogar Trendsetter. Schon sind Delegationen anderer Klöster nach Arenberg gereist, um sich über das erfolgreiche Konzept zu informieren.