AUF DEN SPUREN DER KLOSTERMEDZIN

Nonnen und Mönche wussten schon vor Jahrhunderten, was Leib und Seele beisammenhält.
Heute besinnen sich ihre Nachfolger auf die Tradition und entdecken alte Rezepturen neu – für ein gesundheitsbewusstes Leben, nicht nur hinter klösterlichen Mauern...

Text: Dorothee Baer-Bogenschütz
Fotos: Christian Wickler


Unter Bruder Hilarius‘ Händen wurde die Gärtnerei zur Haupteinnahmequelle
der Benediktinerabtei.



Der Bau der Kirche begann 1093
... 


Neben Arzneikräutern...


...wachsen im Garten der Abteikirche auch Rosen und Orchideen.


Die frischen Heilpflanzen...


...werden in der Küche getrocknet
oder zu Holunderblütengelee und
Schlemmereis verarbeitet



Der Gästetrakt von Arenberg
umfasst 75 Zimmer


Wenn ich hier am frühen Morgen so stehe und die Tautropfen glitzern, dann kommt mir das immer vor wie eine Elfenwiese.“ Bruder Hilarius ist ergriffen wie am ersten Tag in Maria Laach.
Wir erwischen ihn nach dem Konventart und spazieren gemeinsam durch den Garten der Abtei.
Im Gespräch mit dem Klostergärtner merkt man gleich:
Er besitzt ein großes Herz.
Und singen kann er, dieser Mönch!
Während er die Setzlinge und Arzneikräuter inspiziert, kommen ihm nicht nur Choräle über die Lippen.
War das nicht eben Lohengrin? „Dritter Akt“, nickt der fromme Mann und strahlt wie Wagners Schwanenritter.
Bruder Hilarius, der Heitere, steht der Frohsinn förmlich ins Gesicht
geschrieben. Unter seinen Händen wurde die Gärtnerei der im 11. Jahrhundert
gestifteten Benediktinerabtei zu einer Haupteinnahmequelle.
Und zum Reiseziel. Neben Küchenkräutern gedeihen hier die Heilpflanzen der Klostermedizin.
Im Mittelalter erlangten die Klöster große Bedeutung für die Bewahrung und Fortentwicklung des Wissens über die nützlichen Pflanzen. Sie besaßen das Monopol für die medizinische Betreuung der Bevölkerung.
Alte medizinische Handschriften wie das Lorscher Arzneibuch (es wurde verfasst um 795), der Macer floridus und die Arzneimittellehre der Secreta salernitana aus dem 12. Jahrhundert sind bis heute von großer Bedeutung für die Pharmazie.
„In diesen Texten werden bereits ausführlich Kräuter und Mineralien behandelt, sowie deren Wirkungen und Haltbarkeit und sogar teure Fälschungen aus Asien“, sagt Dr. Johannes Mayer von der Forschergruppe Klostermedizin an der Universität Würzburg.
Als Wiederentdecker der alten Arzneipflanzen gilt Sebastian Kneipp, der „Wasserdoktor", der sich im 19. Jahrhundert um eine ganzheitliche Gesundheitslehre verdient gemacht hat. „Heute sind die Kräuterheilkunde, Bäder, Fasten, Meditation, die Ernährungslehre und Prophylaxe zentrale Elemente der modernen Klostermedizin“, sagt Johannes Mayer.

Bruder Hilarius schafft Grundlagen für die Gesundheitsvorsorge im Geist der Klostermedizin. Sein Reich betreten die Besucher, noch bevor sie in die Kirche gehen. „Beifuß", erklärt er den Kräuternovizen, „wirkt als Tee belebend und hilft gegen Verdauungsstörungen“. Weinraute und Rosmarin sind „für die Nerven“, die Monatserdbeere „zum Naschen“.
In Sex on the Beach, den Cocktail in der Bar des Klosterhotels, kommen allerdings Pfirsichlikör und Orangensaft hinein. Der Mönch lacht. „Wir müssen doch feiern üben und uns freuen“, sagt er, „damit wir nicht als Stümper dastehen, wenn es so weit ist für die ewigen Feiern.“
Bruder Hilarius predigt „gesundes Leben ohne Kasteiung“. Wo mag das besser gelingen als in einem Ordnungsgefüge, in dem es Bett wie Beichtgelegenheit gibt - und die süßesten Früchte gleich vor der Haustür. Maria Laach ist auch für seine Äpfel berühmt.
Viel Anstrengung steckt in allen Klosterprodukten. „Wir sind den Kunden gegenüber verpflichtet, das anzubieten, was wir selbst für gut halten“, sagt Bruder Hilarius. „Dabei kommt es nicht so sehr auf das Finden an, sondern darauf, zu erkennen, was man sucht.“

Vor allem der Symbolik wegen wird Selaginella lepidophylla verkauft. Trockenheit lässt das mexikanische Wüstengewächs (als Tee gut bei „mancherlei Krankheiten“) zu einem unansehnlichen braunen Ballen schrumpfen. Doch nach wenigen Tropfen Gießwasser grünt die „Auferstehungspflanze“, oder „Rose von Jericho“ wie von Zauberhand.
Das werden wir daheim ausprobieren, erwerben das Gestrüpp und lassen den Gärtner ziehen. Gegen Mittag wird er nämlich unruhig.
Es ruft der „Gottesdienst“ im Freien. Bruder Hilarius tauscht das dunkle Habit gegen Hemd und Hose, packt die Nordic-Walking-Stöcke und schwirrt ab ins Grüne.
Wir stöbern noch im Klosterladen, stoßen auf die aromatische Kräutermischung Andante: „Folgen Sie Ihrer inneren Melodie“ und den Wellness-Tee Amabile: „Seien Sie liebevoll zu sich selbst!“ Gesunde Lebensmittel: Eisbein vom Laacher Bio-Schwein, Quattro-FormaggioPizza aus Dinkel-Vollkorn-Mehl oder Bio-Sekt-Trüffel bekommt man - neben 70 Käsesorten von der Käsetheke - im Hofladen am See.
Die Domäne von Agraringenieur Michael Ullenbruch und seiner Frau Nina. Sie bewirtschaften für Maria Laach einen Bio-Betrieb. Seit sie auf gesunde Ernährung achtet, sagt die Chefin, die aussieht wie das blühende Leben, habe sie keine Hautprobleme mehr.
Zuvor litt sie unter einer hartnäckigen Neurodermitis.
Wir werfen noch einen Blick auf die glücklichen Rinder auf der Weide vor dem Laden, dann heißt es Abschied nehmen. „Das Gespräch mit Ihnen war wie ein japanisches Kirschblütenfest", sagt Bruder Christoph. Möchte man von einem solchen Ort scheiden?

Nur wenn die Alternative Kloster Arenberg heißt.
Hoch über dem Rheintal bei Koblenz öffnen Dominikanerinnen ihr Domizil mit dem herrlichen Eifelblick für jedermann - „gleich welchen Glaubens und welcher Lebenssituation“.
Rheinromantik, gottgefälliges und gesundheitsbewusstes Leben finden hinter den mächtigen Backsteinmauern wie selbstverständlich zusammen.

Seit einigen Jahren überzeugen die Ordensschwestern mit einem einmaligen Gesundheitskonzept:
Inspiriert durch Kneipps Gedanken der „Entfaltung und Stärkung aller vitalen Kräfte“ bauten sie eine gepflegte Wellness-Abteilung mit Panorama-Pool und Behandlungsräumen für Kneipp-Anwendungen und Physiotherapie auf - ein Kloster-Spa. Regenerativ und präventiv ist das Vitalprogramm.

Der Morgen beginnt um sieben mit Tautreten. Frühtau kitzelt die Fußsohlen. „So werden perfekt die Gefäße trainiert“, sagt Trainerin Stephanie Zöllner.
„Wir machen das so lange, bis der Kältereiz kommt.“
Keine zwei Minuten, und es ist es soweit. Die Füße schmerzen fast. „Sie haben Ihr Immunsystem optimal gestärkt.“ Gut fürs Walking - auf zum Kreislauf-Training im Park. Die ersten Sonnenstrahlen zittern zwischen den Büschen.
Den Frühstücksraum erhellt Annuntiata. Die Schwester weiß, wie man Morgenimpulse gibt, ihre Lachfalten sprechen Bände. Dabei ist die Gästebetreuerin des Klosters, das einmal als „Club Med des Christentums“ bezeichnet wurde, sehr feinfühlig. „Sie müssen hier an nichts teilnehmen" sagt sie. „Wir lassen Sie frei laufen. Ich bin ja auch ganz frei.“
Aufatmen bei den Neuen. Sie basteln an ihrem Stundenplan. Es gilt, die schönste Zeit fürs Sonnenbad auf der Terrasse und den Aufenthalt im Park mit den alten Obstbäumen zu finden. Dort sind überall Bänke aufgestellt, es gibt einen Seerosenteich und Pavillons zum Alleinsein, zum Lesen oder zum Musikhören.
Im Buchladen von Maria Laach haben wir uns Lektüre besorgt. Agatha Christies Mord im Pfarrhaus. Und eine CD: Johnny Cash.
Die Country-Legende versuchte, nach den Lehren Christi zu leben.
Sein Großvater war Priester, der Vater Farmer. Wir beißen in einen Klosterapfel.

Das soziale Leben spielt sich auf Arenberg im Neubau ab. Der Gästetrakt
ist hausbacken und elegant zugleich, hat etwas von Jugendherberge und Zauberberg-Atmosphäre. In den Zimmern laden Ohrensessel
zum Schmökern ein, Designer-Lampen spenden Licht.
Die Bibel liegt auf dem Nachttisch.
Am Empfang grüßt ein junger Engel: Schwester Maria Angelina.
Man bewegt sich hier nicht bloß im Schatten später Mädchenblüte. Geschmackvolle Ledersofas stehen im Foyer. Und im Kontrast zum Kantinencharme des Speisesaals.
Doch das Essen hat Sterne-Qualität!
Heute kocht Gregor Kühn Fischpfanne mit Spinatküchlein und Brokkoli.
Der Küchenchef kommt aus der Spitzengastronomie, befuhr auf einem Luxusliner die Weltmeere, bevor er in Arenberg vor Anker ging.
Nun veranstaltet er in der Klosterküche Kochdemonstrationen:
„Weg von den Fertigsuppen, mehr Arbeit am Frischgemüse.“
In seiner Kräuterschule muss man „fühlen, riechen und raten, was es ist“.

Besonders gekitzelt werden die Sinne im Klosterkeller. Eine Versuchung ist schon der Lift, der am Ende eines langen Ganges meistens einladend offen steht. Er leuchtet wie die Sünde. Granatapfelrot! Fast fürchtet man sich, für ein Glas Wein hinunterzufahren. Doch es ist Klostermedizin. Vorzüglich ist übrigens der Cochemer Klostergarten. Merkwürdig nur: Die Lust auf Alkoholisches vergeht im Wellness-Kloster flugs. Schuld ist der Kräutertee, der reichlich ausgeschenkt wird. Eine wilde Mischung, die Schwester Irmingard jeden Morgen pflückt. „Ich nehme Zitronenmelisse, Königskerze, Frauenmantel, Spitzwegerich. Und das variiere ich.“
Selbst mit anfassen dürfen die Gäste in der Küche der Kräuterei.
Hier verarbeiten die Schwestern Heilpflanzen zu Zwiebelbonbons, zu Kräuteressig und -pesto. Während ein junger Mann mit Rastazöpfen Etiketten beschriftet (Jonas heißt er und absolviert ein ökologisches Jahr), zupfen einige Frauen Johanniskraut. Wo Schwester Irmingard ist? „Die springt mit dem Korb auf dem Feld herum“, ruft Jonas. Dort sammelt sie frische Teekräuter und erklärt, „was man mit Pflanzen alles machen kann.“
Ist denn gegen alles ein Kraut gewachsen? „Sehen Sie“, doziert die Dominikanerin, „wenn jemand mit einem Wespenstich zu mir kommt, nehme ich Spitzwegerich, und er ist nach einer Viertelstunde geheilt‘ Es scheint einfach: „Sie zerdrücken ein Blatt, bis Feuchtigkeit austritt, und bestreichen damit die Stelle. Das wirkt antiseptisch.“
Sonnenbrand und Gürtelrose behandelt sie mit Johanniskraut, ebenso Ischias und Rheuma. Zur Beruhigung empfiehlt Schwester lrmingard die Pflanze als Tee. „Wie, Sie vertragen kein Johanniskraut?" fragt die Nonne die Besucherin und macht eine Blitzdiagnose. „Kein Wunder, Sie sind ein lichtempfindlicher Typ.“ Die Schwester weiß: „Nicht jedes Kraut ist für jeden gut.“
In einen Haushalt gehören laut Kneipp 10 bis 15 Heilpflanzen. Damit experimentiert die Nonne. „Hier haben wir Holunderblütengelee mit Wein - eine Köstlichkeit. Und es beugt Erkältungen vor.“ Begehrter ist nur ihr Kräuterschlemmereis.
Die Kräuterküche umgibt der Kräutergarten, der als Lehr-, Duft- und Aromagarten angelegt ist. Und als Apothekergarten, in dem die Pflanzen ihrer jeweiligen Anwendung entsprechend gesetzt wurden: Atemwegserkrankungen, Herzleiden, Störungen des Nervensystems. Daneben sind die Rosenbeete: Aachener Dom, Märchenkönigin Hier riecht es
wie im Garten meiner Großeltern“, freut sich eine Urlauberin. Wieder fällt der Abschied schwer.

Das nächste Ziel ist Rüdesheim.
Bis zur Abtei St. Hildegard, wo Hildegard von Bingen 1136 Äbtissin wurde, dauert es eine Stunde. An Bord: die Rose von Jericho und Johnny Cash.
Durchs Mittelrheintal - zwischen Koblenz und Bingen - geht die Fahrt - eine Landschaft, die Maler und Dichter gepriesen haben und die jüngst UNESCO-Weltkulturerbe wurde.
Hoch über den Rebhängen leben die Benediktinerinnen.
„Und Sie, Sie leben völlig falsch“, sagt Schwester Philippa zur Begrüßung. Die Autorin wirkt abgehetzt. Die Nonne ist gnadenlos. Und hat so Recht.
Doch: Hasten nicht auch die Schwestern ständig von Gebet zu Gebet? Umso wichtiger, sich fit zu halten! Philippa ist eine richtige Levitenleserin. Eine Frau, die einen auf den richtigen Weg führt, innig vertraut mit den Schriften Hildegards von Bingen. Sie weiß, wie viel Scharlatanerie in ihrem Namen getrieben wird: „Man muss auf der Hut sein.“
„Fast alles, was heute unter dem Namen Hildegard verkauft wird, ist problematisch“, bestätigt Forscher Johannes Mayer, „da kaum historische und naturwissenschaftliche Untersuchungen gemacht wurden.“

Deutschlands prominenteste Mystikerin hat 16 Heilpflanzen benannt.
Sie wurde 80 Jahre alt.
Wie sie wohl selbst Leib und Seele beisammen hielt?
War es der Rebensaft? Der Rheingau ist Riesling-Land. Auf sieben Hektar bauen die Nonnen Riesling und Spätburgunder an, vermarkten die himmlischen Tropfen bis in die USA. „Bei Hildegard ist Wein in maßvollem Genuss gesund“, sagt Schwester Philippa. „Er stärkt Herz und Kreislauf".
Die Weine sind im Klosterladen erhältlich.
Auch zwischen 70 Dinkelprodukten kann man wählen.
Seit den Siebzigerjahren beschäftigen sich die Klosterfrauen mit dem Urgetreide. „Wir haben erfahren, dass Dinkel gesünder ist als vieles andere" sagt Philippa. Der hohe Gehalt an Kieselsäure etwa ist gut für Haut und Haar - viele Menschen mit Hautausschlägen haben ihre Ernährung entsprechend umgestellt.
Die Ordensfrau betont, dass es Hildegard vorrangig um Vorbeugung und ausgewogene Lebensführung ging. „Wenn Sie Hildegard verstehen wollen, müssen Sie ihre gesamte Lebensweise umstellen. Das bedeutet auch, einen gleichmäßigen Rhythmus von Schlafen und Wachsein, von Bewegung
und Ruhe einzuhalten.
Sogar das Gleichmaß von Schweigen und Kommunikation ist wichtig.“
Diese Pole müssen in einem diskreten Verhältnis stehen (Lateinisch für ,,Maß halten“).
"Wenn man sich ausschließlich von Dinkel ernährt, wird man auch krank.“
Hildegard war keine Vegetarierin. Sie aß Fisch und Fleisch. Rezepturen sucht man aber vergeblich. „Was ihr da unterstellt wird, ist nicht authentisch. Es gibt keine Rezepte bei Hildegard,“ sagt Schwester Philippa. „In ihren naturkundlichen Schriften beschreibt sie Pflanzen in ihren Wirkungen sowie Krankheitsbilder und wie sie die Pflanzen zur Linderung verwendet.“ Ohne Gott und den Glauben aber so die Nonne, sei das alles Humbug. Seele, Leib und Geist gehören zusammen.

Fernhalten will man sich vom Trend, im Namen Hildegards Heilmittel zu verkaufen. „Wir möchten keine falschen Hoffnungen wecken.
Wir setzen auf eine gesunde Lebensführung“, sagt die Benediktinerin.
Ob man Bruder Hilarius wohl jetzt beim Nordic Walking träfe?