Die Heilkraft aus dem Klostergarten

Seit Jahrhunderten bewahren die Mönche und Nonnen ihr altes Kräuterwissen so wie im Kloster Arenberg bei Koblenz.

Text: Markus Dietsch
Fotos: Kirsten Bucher


Schwer hängt der Duft der Königskerzen über dem Beet. Süßlich und würzig ist er, mit einem Hauch von Honig. „Köstlich, oder?" sagt Schwester Kerstin-Marie und schnuppert an einer der leuchtend gelben Blüten. Dann zupft sie diese mit einer geschickten Handbewegung ab und legt sie in ihren prall gefüllten Korb.

Es ist Erntezeit im Kloster Arenberg, dem Mutterhaus der Dominikanerinnen auf einem Hügel über dem Rhein bei Koblenz. Gepflückt werden hier keine Kirschen, Erdbeeren, Marillen oder Weintrauben, sondern Blüten und Blätter. Denn der Klostergarten ist reich an heilsamen Pflanzen. Und die Nonnen wissen genau, wie man sie am besten hegt und pflegt.

Jetzt, im Sommer, sind die Schwestern fast täglich draußen, um die Ernte einzubringen. Ob Königskerzen, Ringelblumen, Johanniskraut, Malven oder Kamille ‒ körbeweise kommen die Heilkräuter auf den Dachboden der klostereigenen Kräuterwerkstatt. Dort haben die Nonnen große, rechteckige Holzrahmen mit Leinen bespannt, um die Blüten und Blätter darauf zu trocknen.

Es dauert nur sechs Wochen. Dann wandern die getrockneten Heilpflanzen eine Etage tiefer. Dort sitzen Schwester Lidwina und Schwester Annette an einem Tisch und „verlesen" die Ernte: Sie sortieren das Unkraut aus. Beide Frauen sind weit über 70 und trotzdem putzmunter. „Das liegt an unserem guten Tee", kichert Schwester Annette augenzwinkernd. Die Nonnen haben ihre eigenen Mixturen aus verschiedenen Kräutern, die sie im Klosterladen verkaufen. Am beliebtesten ist der „Gute-Laune-Tee", gefolgt von Entspannungs- und Wohlfühl-Mischungen.

Auch Sirup, Öle, Liköre und Essenzen werden im Kloster hergestellt. Das alles geschieht unter der Oberaufsicht einer geschulten „Kräuter-Nonne": Schwester Josefa ist Gesundheitspädagogin und hat sogar einen eigenen Ratgeber geschrieben („Die Heilkraft aus dem Klostergarten", Kosmos, 19,95 Euro). „Unser Heilwissen hat eine jahrhundertealte Tradition", erklärt sie. „Als die ersten Mönche ungefähr 700 nach Christus vom Mittelmeer über die Alpen kamen, um neue Klöster zu gründen, hatten sie entsprechende Stecklinge im Gepäck. Das christliche Symbol des Kreuzes galt den Mönchen als Einteilung für die Beete. In der Mitte des Klostergartens befand sich stets ein Brunnen als lebendige Wasserquelle."

Neben Obst und Gemüse kannten die Mönche auch würzige und heilende Kräuter. Sie verstanden es, damit ihre Nahrung schmackhaft zu machen und zugleich Krankheiten zu bekämpfen. Der Klosterplan von St. Gallen, geschrieben um das Jahr 817, beschreibt zum Beispiel Gemüse, Heilpflanzen und Bäume, die im Klostergarten gepflanzt werden sollen. Im 12. Jahrhundert machte sich schließlich die Benediktinerin Hildegard von Bingen mit ihrer Klostermedizin einen Namen. Den angebauten Heilpflanzen in ihren Beeten gab sie den Vorzug gegenüber wild wachsenden Kräutern.

Viele Heilpflanzen, mit denen sich Hildegard von Bingen einst beschäftigt hat, wachsen heute auch in Schwester Josefas Apothekergarten ‒ ob weiß blühende Schafgarbe (hilft bei Blähungen), zartlila Ysop (gegen Bronchitis) oder gelbe Frauenminze (bei Fieber und Menstruationsbeschwerden). Die vielfältigen Wirkungen erklärt sie auch immer wieder Besuchern. „Dieses jahrhundertealte Fachwissen weiterzuvermitteln empfinde ich als großes Geschenk."

In der Ferne läuten die Glocken der Arensberger Klosterkirche. Sie rufen die Nonnen zum Mittagsgebet. Schwester Josefa zupft ihre Haube zu Recht. Dann lässt sie den Blick ein letztes Mal über ihr blühendes Paradies schweifen. „Den Klostergarten kann man wirklich mit allen Sinnen erleben", sagt sie zum Abschied. „Für mich heißt das: Sehen, was das Auge aufnehmen kann ‒ Formen und Farben, die Gestaltung der Anlage, die Weite und Großzügigkeit. Es bedeutet auch, den Duft und den Geschmack der Pflanzen zu kosten. Hier lausche ich der Sprache der Schönheit und der Fülle. Ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen."