Wege zur Mitte

Innehalten. Zu sich kommen. Zum Pol der Ruhe werden inmitten des nervösen Lebens. Alle Kulturen haben Techniken entwickelt, die dieses Kunststuck gelingen lassen. Mal singend, mal tanzend, mal schweigend erproben Menschen heutzutage, ob sich die alten Wege noch in der Gegenwart bewähren. Eine Reise zu den Orten einer großen Sehnsucht

Text: Hanne Tügel
Foto: Franz Killmeyer


Hektik bleibt draußen. Dominikanerinnen haben das Kloster Arenberg in einem Rückzugsort für
Entkräftete verwandelt.
In ihrer ganz privaten Meditationszeit hält sich
Schwester Josefa dort auf, wo sie sich Gott am
nächsten fühlt: Im Kräutergarten





Mit bloßen Füßen das Gras, den Boden und sich
selbst spüren. Schwester Josefa und Schwester
Beatrix (vorn) genießen beim Tautreten morgens
um sechs den Tagesanfang in ihrem Kloster. Die Ordensfrauen haben Übung darin, loszulassen, zu vertrauen, mit Gott und der Welt ins Reine zu
kommen. Und versuchen, diese Erfahrung den
Gästen nahezubringen.






Jede Nonne in Arenberg meditiert täglich eine halbe Stunde lang ganz allein für sich. Der Lieblingsplatz
von Schwester Andrea ist die moderne Kapelle
mit dem alten Kruzifix.






Berührungsängste vor nackter Haut? Nicht in
Arenberg. Schwester Andrea ist begeisterte
Masseurin. Für sie ist ein Leib, der sich wohlfühlt,
der Schlüssel zum Seelenheil.
LEIB-SEEL-SORGE

»Tu deinem Leib Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen«
Theresa von Ävila
Die Gäste, die sich im Kloster Arenberg zum „meditativen Abend-Impuls" versammelt haben, sind im Schnitt 30 bis 40 Jahre älter als jene in Taize. Sie hören Popmusik. Schwester Andrea spielt Konstantin Weckers Lied vom „schrecklich schönen Leben" vor. Ein Was-wäre-wenn-Text für Menschen, die Enttäuschungen und Leid und Narben kennen. Wäre es das eigene Leben wert, noch einmal gelebt zu werden?

Wecker lässt den Song mit einem trotzigen „Ja!" verklingen. Die Zuhörer seufzen, nicken und bekommen eine naiv-tückische Frage zur guten Nacht auf den Weg: „Wann ist es heute gelungen, ich selbst zu sein?" Schwester Andrea, 49 Jahre alt und seit 25 Jahren Ordensfrau, fügt hinzu: „Es ist die größte Hürde, sich das zu erlauben."
Wer im Gästebuch des Klosters am Stadtrand von Koblenz blättert, liest von Verzweiflung und Dankbarkeit. „Ich habe eine lange Durststrecke durch die Wüste ausgehalten und bin in einer Oase angekommen." / „Unter einem dicken schweren Schleier der Erschöpfung und Traurigkeit noch den Funken von Lebendigkeit spüren - hier in den Tagen ist es mir gelungen." / „Hier habe ich eine .Intensivstation' für meine verletzte Seele gefunden." / „Die Menschen hier sind ein Geschenk Gottes an uns."

Bei der ersten Ankunft hat das wohl kaum einer erwartet. Von außen wirkt der Backsteinbau eher nüchtern-streng. Was bringt Dominikanerinnen dazu, 2000 Jahre nach der Geburt ihres Heilands 15 Millionen Euro auszugeben, um einen Teil dieses Klostergebäudes in ein 99-Betten-Hotel mit Vitalzentrum und 85 weltlichen Mitarbeitern umzuwandeln? Was haben Qigong, Shiatsu, Aroma-Massagen und „Meditationen" über einen bayerischen Musiker, der drogenabhängig war und in Haft gesessen hat, mit klösterlicher Askese zu tun?
Das Haus war schon früher eine Brücke zur Welt draußen, war Mädcheninternat, im Zweiten Weltkrieg Lazarett, später Kneipp-Sanatorium. Nun steht es für Seel-Sorge einer neuen Epoche. .Mobbing, Burn-out, Beziehungsprobleme - die Not jeder Zeit ist eine andere", sagt die Leiterin des Gästebereichs, Schwester Beatrix.
69 Jahre alt, resolut, warmherzig und erfahren im Umgang mit Menschen, organisiert sie mit ihrem Team 27000 Übernachtungen im Jahr. Zwischendurch geht sie immer wieder auch selbst einmal durch das auf der Wiese angelegte Labyrinth, durchmisst Kurven und Schlenker „auf dem Weg zur Mitte". Es klingt eher verwundert als neidisch, wenn sie über ihre Mitschwestern sagt: .Manche erzählen, sie hätten nie gezweifelt." Sie selbst, Klosterfrau seit 1960, kennt das Gefühl, „am Rand der Wüste zu stehen und nicht weiter zu wissen". Und „immer wieder Ja zu sagen".

„Wellness-Kloster" ist der Spitzname, den die Medien Arenberg gegeben haben. Manchem erscheint es befremdlich, dass eine Nonne nackte Haut von Frau¬en wie von Männern massiert. Als Zeugen der Verteidigung führen die Klosterfrauen mittelalterliche Autoritäten wie Meister Eckhart an, der voller Liebe über Seele und Leib gesprochen hat.

„Die Selbstwahrnehmung ist für ihn der Anfang des mystischen Weges", sagt Schwester Andrea. Die gelernte Physiotherapeutin ist trotz einer beachtlichen Körperfülle gern im Geschwindschritt unterwegs, mal im Habit, mal in Polohemd und Trainingshose. Ihre Termine sind eng getaktet, denn Schwester Andrea ist berühmt dafür, dass ihre Fingerkuppen wissen, wie man „durch den Leib die Seele berührt".
Als sie noch im Krankenhaus arbeitete, hat sie erfahren, wie oft Patienten ihren Körper als „endlos belastbare Maschine" behandeln. Ihre Erste-Hilfe-Übung bei Erschöpfung und Verspannungen ist fast beleidigend banal. Es ist die Empfehlung, „durch den Körper zu wandern wie ein neugieriger Spaziergänger". Fühlen sich die Augen entspannt an? Sind die Zähne zusammengebissen, die Schultern zusammengezogen? In welchen Körperregionen ist Ruhe zu spüren, wo Unruhe?

In einem Buch über das Kloster (siehe Literaturtipps Seite 158) schreibt Schwester Andrea: „Die intensivsten Momente in meinem Leben sind berührende, bewegende Momente. Sie sind meine Erfahrung von Ganzheit. In diesen Augenblicken fühlt sich mein Körper in meiner Seele zu Hause - und meine Seele ist in meinem Körper 4aheim."
Sie erinnert sich noch gut an den Tag, an dem sie dieses Gefühl in der Kindheit zum ersten Mal bewusst wahrgenommen hat: „Ich saß still unter einem großen Lindenbaum auf unserem Dorfplatz.
Ich saß dort ganz für mich allein, schaute, lauschte, nahm den Geruch in mich auf, war ganz im Augenblick." Und dann: „Etwas in mir öffnete sich und etwas berührte mich."
Aus der jetzigen Perspektive erklärt sie es so: „Meine Seele wurde im Innersten berührt. Körper und Seele kamen dadurch in Einklang. Heute erlebe ich solche Momente immer wieder als tiefes Aufgehobensein in Gott."
Ganz bei sich zu sein, präsent zu sein im Hier und Jetzt - diesen Zustand, auf den die Meditationspraxis zielt, haben viele als Kind erlebt. In Arenberg lernen die Gäste, ihn nach den Jahren der Narben, Enttäuschungen, Krisen wiederzuerwecken. Sie erlauben sich Sinnes-Eskapaden. Stapfen um sieben Uhr früh mit nackten Füßen durchs taunasse Gras. Stehen mit geschlossenen Augen schnuppernd im großen Garten, in dem Schwester Josefa, die begnadete Kräuterkundlerin, wirkt. Schlürfen hauseigenen Wohlfühltee und schmecken Pfefferminze, Zitronenmelisse und Spitzwegerich heraus.
„Ruhe, Stille und Meditation heilen. Massagen, Wasseranwendungen und Bewegung heilen. Die Anwendung von Heilkräutern und gesunde Ernährung heilen", heißt es im Buch der Klosterschwestern, „die Grundübung in unserem Hause nennt sich jedoch Achtsamkeit. Sie werden aufmerksam auf sich selbst, vielleicht zum ersten Mal in Ihrem Leben."

Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog
Wolf Singer, Matthieu Ricard, Suhrkamp 2008,10 € Der Neurophysiologe Singer und der Buddhist Ricard, der sich als „Wissenschaftler des Geistes" sieht, ringen um ein Verständnis, das Gräben überbrückt

Der Wohlfühlgarten Gottes Kloster Arenberg, Rowohlt, 2007,12 € Lebendig und klug geben die Arenberger Dominikanerinnen und der Theologe im Kloster über sich und ihre Praxis der Leib-Seel-Sorge Auskunft. Zugabe: Rezepte und Körperübungen

Westöstliche Weisheit Willigis Jäger, Theseus, 2007,12,95 € Der streitbare Kirchenkritiker legt hier seine „Visionen einer integralen Spiritualität" für das 21. Jahrhundert vor

Tor des Erwachens Jack Komfield, Heyne, 2003, nur antiquarisch
Der US-amerikanische Meditationslehrer hat Kollegen nach Erleuchtungserlebnissen befragt. Und nach ihren Problemen, Spiritualität und Alltag zu verbinden - inspirierend und humorvoll

Die Sufis
Idries Shah, Diederichs, 2006,16,95 € Das zuerst 196^ erschienene Standardwerk über die faszinierende „Botschaft der Derwische, Weisheit der Magier"

Gesund durch Meditation Jon Kabat-Zinn, Fischer, 2007,10 € Kabat-Zinns MBSR-Programm zur Stress-Reduktion wird inzwischen in Hunderten Kliniken weltweit gelehrt