Dem lieben Gott so nah

„Ich gehe ins Kloster“ - zuerst schockierte Ursula Hertewich mit ihrem Entschluss. Dann fand sie Verständnis. Doch den Weg in einen Orden wagen immer weniger

Von Mirja Rumpf
Fotos: Joachim Storch; Kloster Arenberg


Ort der Einkehr:
Schwester Ursula steht vor dem Altar der Kapelle des Klosters Arenberg. Mit 26 wusste die Apothekerin, dass sie als Nonne leben möchte. Seit einem Jahr gehört sie zur Gemeinschaft der Dominikanerinnen: „Es macht zufrieden sich mit ganzer Kraft für etwas einzusetzen“
Die Freiheit liegt für sie hinter den Mauern, hinter den Mauern des Klosters Arenberg in Koblenz. Schwester Ursula (31) ist ihrem Gefühl gefolgt und lebt seit einem Jahr in der Gemeinschaft der Dominikanerinnen hoch über dem Rheintal. „Früher hätte ich mir nie vorstellen können, ins Kloster zu gehen“, sagt die Apothekerin aus dem Saarland. „Bis ich ein paar Tage hier zu Besuch war und gespürt habe, dass die Liebe zu Gott mein Weg zum Glücklichsein ist.“

Was für ein Schritt, sein Leben für die anderen zu leben. Keine Ehe, keine Kinder, kein eigenes Konto. „Meine Eltern waren schockiert, als ich ihnen von meinem Wunsch erzählte“, erinnert sich Schwester Ursula. Im ersten Moment mag da vielleicht die Angst gewesen sein, die Tochter zu verlieren. „Aber inzwischen sagt mein Vater, wir hätten mit der Gemeinschaft noch eine Familie hinzugewonnen. Auch meine Freunde, die erst überrascht waren, besuchen mich heute gern hier. Sie sehen, wie glücklich ich bin.“ Ihre Augen leuchten, während sie das sagt.

»Ich möchte die Liebe in die Welt tragen«

Hätte sie vorher gewusst, dass sie Jahre später so strahlen würde, wäre es ihr sicher leichter gefallen, den Schritt in ein neues Leben zu wagen.Was die junge Frau trieb, war nicht die Flucht in eine geregelte Existenz mit einem festen Tagesablauf, sondern „hier den Freiraum dafür zu bekommen, sich intensiv auf die Suche nach Gott zu begeben“.

Was ist so erfüllend an dem Leben als Nonne? Schwester Ursula: „Es macht zufrieden, sich mit ganzer Kraft für etwas einzusetzen. Die Ruhe schenkt einem den Raum, zu sich zu finden. Wenn ich ganz bei mir angekommen bin, möchte ich die Liebe in die Welt hinaustragen. Es tut gut, für andere da sein zu können: zuhören, heilen, helfen.“

Große Worte einer Frau, der man es glaubt. „Ich liebe Gott wie einen Menschen“, sagt sie. Kennt Schwester Ursula denn das Gefühl, sich zu verlieben, in einen Mann? „Na klar“, meint sie und wirft lachend den Kopf zurück. „Ich war schon mal verliebt. Hochzeit, Kinder, das hätte ich mir alles vorstellen können. Aber ich habe mich für das andere Leben entschieden. Der Wunsch danach war stärker.“ Ihren Job als Apothekerin hat sie aufgegeben, ihre Dreizimmerwohnung im Haus der Eltern hat sie gegen eine neun Quadratmeter große Zelle eingetauscht. „Das ist der Ort, wo ich für mich sein kann, wo ich mich zurückziehen kann.“ Dort bewahrt sie auch Teile ihres alten Lebens auf, verstaut in einer Sporttasche: Sommerröcke, T-Shirts, Jeans.


Das Klosterleben ist streng geregelt: „An das frühe Aufstehen musste ich mich erst gewöhnen“, sagt Schwester Ursula. Nachmittags wird immer um 17.30 Uhr der Rosenkranz gebetet

Helfen und heilen:
Schwester Ursula kniet vor einem Beet. Als Apothekerin kennt sie die Heilkraft der Kräuter - von Minze bis Salbei

 

„Stattdessen habe ich nun zwei Kleider.“ Wie reagieren die Menschen auf der Straße? „Durchweg positiv. Seit ich das Ordenskleid trage, werde ich an der Kasse ständig vorgelassen ...“ Natürlich, es kann am Kleid liegen, aber bestimmt auch an der Frau, die es trägt: Schwester Ursula gehört zu den Menschen, die lächeln, bevor sie das erste Wort gesprochen haben. Das Lächeln ist nur der Anfang - ha! -, wenn‘s lustig ist, kann sie prusten vor Freude.

„Wir haben hier viel Spaß miteinander“, sagt sie. „An unseren freien Abenden gucken wir auch mal ‚Wer wird Millionär?‘ im Fernsehen.“ Das sind die lustigen Momente. Gibt es auch die, in denen Zweifel aufblitzen? Schwester Ursula: „Ich denke, das ist ganz normal — so wie es auch in einer Ehe vorkommen kann. Aber es gibt viele Stunden, in denen ich mich Gott ganz nah fühle. Und das ist das, was zählt: Das ist befreiend.“ Von Kind auf war sie dem katholischen Glauben verbunden, besuchte mit den Eltern und den beiden Schwestern jede Woche die Messe, liebte früh die christlichen Jugendtreffs.


Das Kloster Arenberg in Koblenz: Hier leben 66 Schwestern. Das Gästehaus mit 99 Betten wurde 2003 neu eröffnet und hat ein großes Vitalzentrum
Junge Frauen wie Ursula fehlen in der katholischen Kirche. „Ich bin mit Abstand die Jüngste. Das Durchschnittsalter liegt in unserem Haus bei 72 Jahren, aber das stört mich nicht“, sagt sie. In Deutschland entscheiden sich immer weniger Frauen für ein Leben im Kloster: Die Zahl der Novizinnen, also der Anwärterrinnen, ist seit 2004 von 130 auf jetzt 96 gesunken.

„Einer der Gründe könnte sein, dass immer mehr Menschen von einer Bindungsangst befallen sind“, sagt Schwester Ursula. „Das sieht man schon daran, dass die Zahl der Hochzeiten in der Vergangenheit immer weiter zurückgegangen ist.“

Bilder aus dem anderen Leben: Dr. Ursula Hertewich im Mai 2005
Fassanstich in Wadgassen...

und der Arbeit in der Apotheke

Die Nachwuchssorgen gehen so weit, dass Klöster ihre Pforten schließen müssen, wie zum Beispiel bei den Benediktinerinnen in Bonn Endenich. Schwester Ursula hat sich mit den Arenberger Dominikanerinnen für eine Gemeinschaft entschieden, die einen radikalen Schritt in die Moderne gemacht hat. Als das Kloster vor dem finanziellen Ruin stand, haben die Schwestern einen Großteil ihrer Rücklagen von 15 Millionen Euro genommen und das Haus umgebaut: Sie errichteten ein neues Vital-Zentrum und eröffneten eine Art Wellness-Gästehaus. Mit Erfolg: Die Auslastung liegt bei 75 Prozent. Da kann kaum ein Hotel mithalten.
Das ewige Versprechen nach acht Jahren

In Arenberg arbeiten alle gemeinsam für den Erfolg. „Meine 65 Mitschwestern und ich leben aus einer Kasse“, erklärt Schwester Ursula. „Ob Shampoo oder neue Schuhe — wer etwas braucht, muss es nur sagen. Ich hatte erwartet, dass ich damit mehr Probleme haben wurde. Aber das ist eigentlich ganz bequem.“ Jede Schwester hat ihre Aufgabe, ihren Platz. Ursula ist täglich in der Kräuterei: Mit zwei Schwestern pflegt sie den Garten, erntet alles von Rosmarin bis Thymian und verarbeitet die grünen Schätze

.Insgesamt leben in Deutschland 24750 Frauen und 5200 Männer im Kloster. Alle wussten, worauf sie sich einließen: Die „ewige Profess“, das lebenslange Versprechen, wird erst nach acht Jahren abgelegt— für Schwester Ursula ist es in sieben Jahren so weit. Viele der Schwestern nehmen einen neuen Vornamen an, Ursula nicht: „Ich habe meinen bewusst behalten, weil] das für mich kein Neuanfang ist.“ Sie ist nur einen Schritt weiter gegangen — hinter die dicken, roten Backsteinmauern von Kloster Arenberg.

Himmlische Ruhe: Schwester Ursula genießt die Stille im Klosteralltag. Bei einem  Spaziergang über den Friedhof findet sie ganz zu sich selbst