Gesundheit aus dem Kloster


Uraltes Heilwissen neu entdeckt: Der Kräutergarten des „Kloster Arenberg“ gleicht einer riesigen Apotheke im Grünen. Wie man die sanfte Kraft der Natur für die Gesundheit nutzt, lesen Sie hier

Text: Mirja Rumpf
Fotos: Gregor Lengler; Kloster Arenebrg


Die Ernte Schwester lrmingard (71) arbeitet fast täglich im Kräutergarten. Seit 50 Jahren lebt sie im Kloster


Die Beete Von Juni bis September
werden die Kräuter geerntet und
verarbeitet



Kloster Arenberg Hier leben 66
Nonnen, das neue Gästehaus
wurde 2003 eröffnet



Klostermedizin Die Nonnen erklären
den Gästen die Wirkung der über
30 Kräuter



Es gibt nicht viele Orte auf der Welt, die uns mit geschlossenen Augen genauso beeindrucken wie mit geöffneten. Der Kräutergarten des Klosters Arenberg in Koblenz ist so ein Ort. Hier liegt der Duft von über 30 Heilpflanzen in der Luft — von Lavendel bis Thymian. Mittendrin steht Schwester Irmingard (71). Lächelnd, strahlend, irgendwie beseelt. In der Hand hält sie einen Korb, gefüllt mit grünen Schätzen:

„All diese kleinen Pflanzen haben eine große Wirkung“, sagt sie. Jeden Tag entdeckt sie die Gewächse aufs Neue — in der Kräuterei entwickelt sie Rezepturen von Tees, Aufgüssen oder Salben.

„Ob Rheuma, Depression oder Heiserkeit — gegen nahezu jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen“, sagt Schwester Irmingard und zeigt auf die großen Papiersäcke in der Kräuterei. „Darin sind über 30 unterschiedliche Heilpflanzen. An den Nachmittagen ziehe ich mich gern zurück und probiere neue Mischungen aus. Es ist spannend zu sehen, wie sich die Wirkung verändert.“ Die Grundlagen sind oft Rezepte, die durch die Jahrhunderte auf handgemalten Pergamenten zu den Nonnen gelangten.

„Noch heute benutzen wir Bücher von Hildegard von Bingen, die vor 800 Jahren nicht weit vom Kloster Arenberg entfernt lebte und wirkte“, sagt Schwester Irmingard und schlägt ein Buch auf. „Diese Arnika-Tinktur zum Beispiel stellen wir bei uns her. Die hat sich über Jahrhunderte bewährt...“ Klostermedizin — das ist kein Hokuspokus, sondern der Ursprung der modernen Medizin. Bis ins letzte Jahrhundert hinein lagen Krankenpflege und Heilkunst zum Großteil in kirchlicher Hand. „In unserem Garten begegne ich immer häufiger Gästen, die zur Naturmedizin zurückgekehrt sind. Was sie anlockt ist die Hoffnung auf Heilung ohne Chemie, ohne Nebenwirkung“, sagt Schwester Josefa (49). Sie ist die Leiterin der Kräuterei. Gemeinsam mit Schwester Irmingard und Schwester Ursula (31) kümmert sie sich darum, dass die Pflanzen gepflegt, geerntet, getrocknet und verarbeitet werden.

Auf 4000 Quadratmetern wachsen Zitronenmelisse, Rosmarin und Co., allein im vergangenen Jahr brachte die Ernte 350 Kilo auf die Waage. Das meiste davon wird im Keller getrocknet, „im Laufe des Winters zupfen wir Blätter und Blüten ab, um zum Beispiel Säfte, Honigsorten, Teemischungen, Liköre oder Kräuterkissen daraus zu machen“. Die Produkte (einige Rezepte lesen Sie auf den nächsten Seiten) werden dann im Klosterladen zum Verkauf angeboten.

Mit der Naturmedizin sind die Schwestern im Trend: Laut einer Studie können sich über 90 von 100 niedergelassenen Ärzten pflanzliche Arzneimittel aus der täglichen Praxis gar nicht mehr wegdenken. Insgesamt gibt es über 500 Heilpflanzen, aber noch nicht alle sind wissenschaftlich erforscht. Nachgewiesen ist bisher die Wirkung von 300 Pflanzen.

Es geht nicht allein darum, akute Beschwerden zu behandeln — Klostermedizin ist eine Lebensphilosophie. „Schöne Gärten sollen die Körper nähren und heilen, den Geist anregen und die Seele besänftigen“, sagt Schwester Irmingard, während sie mit ihrem Ordenskleid am Lavendelbeet entlang streift. „Leib und Seele können immer nur im Einklang gesund sein.“

In diesem Sinne kümmert man sich im Kloster Arenberg hoch über dem Rheintal um seine Gäste. Vor vier Jahren wurde das Haus mit einem großen Vitalzentrum neu eröffnet. Die 66 Schwestern hatten einen radikalen Schritt in die Moderne gewagt, als sie kurz vor dem finanziellen Ruin standen. Sie nahmen einen Großteil ihrer Rücklagen von 15 Mio. Euro und schufen eine Art Wellness -Gästehaus mit 99 Betten (ab 78 Euro! Nacht). Nach der Morgen-Meditation gibt‘s die Rückenmassage, nach Aquafitness das geistliche Gespräch. Oder einen erholsamen Spaziergang durch den duftenden Kräutergarten...