Himmlische Zeiten

Wohlfühlwoche mit Aromamassagen und Aquafitness - klingt nach Ferien im Wellness-Hotel, ist aber ein Angebot im Kloster Arenberg

Von Birgit Meyer
Fotos Gregor Lengler
 

Beten in luftiger Höhe: Die neu Kapelle befindet sich im siebten Stock - zwischen Himmel und Erde
Am Bahnhof Koblenz hängt ein riesiges schwarzes Plakat, auf dem in dicken weißen Buchstaben nur fünf Wörter stehen: "Wir müssen miteinander reden.Gott."
Zu erreichen unter: www.gott.net.

Ein Omen? Ich bin auf dem Weg ins Kloster Arenberg.
Für die nächsten Tage habe ich "Urlaub beim Herrn" gebucht. Mit Wohlfühlgarantie. Denn beim Dominikanerorden ist man mit Schwimmbad, Sauna und Solarium ausgestattet.

Doch morgens um sieben ist die Welt für manch Frommen hier schon nicht mehr in Ordnung.

"Schuhe aus, Strümpfe aus und sofort losmaschieren", ermahnt uns Schwester Andrea ihre Schutzbefohlenen auf der Klosterwiese zur Eile.

Tautreten und Walking stehe statt Aufstehen auf dem Programm.
Freiwillig zwar, aber für seine Immunabwehr will hier jeder was tun. Neun Frauen und ein Mann setzen sich gehorsam in Bewegung. "Und immer die Füße gut abrollen", erinnert die Nonne uns fröhlich. Sie könnte auch in einem dieser Stets-Gute-Laune-Clubs als Animateurin arbeiten. Doch dann müsste sie als Erstes ihre Dienstkleidung ändern: Schwester Andrea flitzt im weißen, waden-langen Gewand und mit Haarschleier über das Gras. Sie ist eine von insgesamt 66 Schwestern und eine der großen Befürworterinnen des neuen Wohlfühl-Kloster-Konzepts. Denn vor vier Jahren standen die Nonnen vor einer schweren Entscheidung: "Entweder wir machen den Laden dicht oder wir wagen etwas Neues."

Man entschied sich für Letzteres. 15 Millionen Euro wurden in das Haus, ein ehemaliges Kneipp-Sanatorium, investiert. Finanziert durch Immobilienverkäufe des Ordens sowie Gehälter und Erbschaften der Nonnen. Es entstand ein modernes Gebäude mit hellen, lichtdurchfluteten Gästezimmern sowie ein Vitalzentrum mit Fitnessraum und Aromamassagen-Angebot. Geblieben sind die Kneipp'schen Anwendungen.

Großer Garten Gottes: Der Klosterpark, hoch
über Koblenz, Rhein und Mosel, biete viel
Platz zum Spazierengehen

links: Schwester Scholastika,
immer fröhlich
rechts: Frühsport mit Schwester Andrea
(und HÖRZU-Redakteurin Birgit Meyer)
Allein in Deutschland gibt es 500 Klöster, die ihre Pforten für gestresste Seelen öffnen, die Ruhe suchen. Doch das Konzept von Arenberg ist bislang einmalig. Das Haus ließe sich locker mit einem Vier- Sterne-Hotel vergleichen. "Aber wir sind kein Wellness-Kloster", betont Schwester Scholastika, "bei uns geht es überhaupt nicht um äußere Schönheit." Beautybehandlungen anzubieten wäre für die 39-Jährige deshalb auch undenkbar. "Der Umbau war für viele Nonnen eine Gratwanderung", erzählt die Zweitjüngste der Ordensfrauen, deren Durchschnittsalter bei über 70 liegt. "Manche hatten Angst, dass wir dadurch zu weltlich, zu oberflächlich werden würden." Solche Bedenken hatte die Schweizerin nie. Im Gegenteil, sie will noch mehr Pep ins Kloster bringen, "damit sich auch jüngere Gäste für uns interessieren".
Darüber macht sich auch Schwester Andrea, Leiterin des Vitalzentrums, Gedanken: "Unser Kursangebot muss mit der Zeit gehen. Ich überlege, ob wir zum Beispiel Nordic Walking anbieten sollen." Fest steht, dass demnächst "Beten & Biken" gebucht werden kann. "Ein Kurs, der gut zu uns passt." Fitness mit Gottes Segen.

Nach dem Abendmenü - Minestrone, Hühnchenspieße, Kokos-Mandel-Creme - trifft man sich im Klosterkeller auf ein Glas Riesling (,‚Zeltinger Himmelreich") oder Dornfelder (,‚Ellerstadter Kirchenstück"). Einen Barkeeper gibt es nicht, jeder zahlt in die "Kasse des Vertrauens" ein.

Entspannen mit Buch und Cafè Latte
. "Die Tage sind Balsam für meine stressgeplagte Seele" ‚ sagte eine Bankfachwirtin aus Frankfurt. Der Aufenthalt ist übrigens keine Frage des Glaubens, den setzt man bei Gästen nicht voraus. Wem dennoch nach Besinnlichem zumute ist, der nimmt am "Impuls in die Nacht" teil. Das Treffen findet um Viertel nach neun in luftiger Höhe statt: Per Fahrstuhl geht's in den siebten Stock - die Kapelle befindet sich zwischen Himmel und Erde. Ein gewagter Neubau aus Bleiglas und Sichtbeton. Heute spricht Schwester Scholastika das Gebet. Meditation statt Animation. Mein letzter Blick geht von der Dachterrasse über die rot-braunen Kuppen der Eifel.
Hier oben fühle ich mich plötzlich an das Bahnhofsplakat erinnert und denke:
"Hallo, Gott, hier spricht Birgit. Du wolltest mit mir reden?"