Kloster statt Wellness-Tempel


Die Arenberger Dominikanerinnen bieten Balsam für Leib und Seele. Ihr Motto: "Die Sprache der Zeit sprechen, ohne peppig zu sein"


von Marco Heinen
Foto: Kloster Arenberg

Nonne bei der Massage im Wellnesskloster Arenberg
Das Öl, hmm, das Öl. Es ist warm auf der Haut, duftet ganz zart nach Zedernholz, Mandarine und Orange. Musik und Licht sind gedämpft. Es tut gut, mit geschlossenen Augen zu verfolgen, wie die geübten Hände geschickt die Verspannungen aufspüren und mit sanftem Druck aus den Muskeln massieren. Leider sind 35 Minuten schnell rum. "Sie sollten etwas gegen ihren Rundrücken tun", sagt ein paar Minuten später ganz nüchtern die Frau, die zehn Jahre lang leitende Physiotherapeutin einer Düsseldorfer Unfallklinik war. Für Schwester Andrea, die seit 20 Jahren dem Orden der Arenberger Dominikanerinnen angehört, ist es kein Widerspruch, einen Beruf auszuüben, der mit dem Körper des Menschen zu tun hat. "Im Sinne der Ganzheitlichkeit gehören Körper, Seele und Geist für mich zusammen", sagt die 48-Jährige.

Darauf basiert das Konzept des 1868 gegründeten Dominikanerinnen-Klosters, das nahe der Festung Ehrenbreitstein am Rande von Koblenz im hoch gelegenen Stadtteil Arenberg zu finden ist. Das Gästehaus hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, als karitative Einrichtung, Reservelazarett und Kneipp-Sanatorium.

Für die Betreuung der Gäste gilt hier das Leitbild "erholen, begegnen, heilen". Während frühmorgendliches "Tautreten" eher zu den ausgefallenen Angeboten gehört, ähneln Massagen, Brandungsbäder, Sauna, Schwimmen im eigenen Pool und diverse Kneipp-Anwendungen schon eher der Angebotspalette in Wellness-Tempeln. Aber eine Schönheitsfarm ist das hier nicht.

Darauf basiert das Konzept des 1868 gegründeten Dominikanerinnen-Klosters, das nahe der Festung Ehrenbreitstein am Rande von Koblenz im hoch gelegenen Stadtteil Arenberg zu finden ist. Das Gästehaus hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, als karitative Einrichtung, Reservelazarett und Kneipp-Sanatorium. Für die Betreuung der Gäste gilt hier das Leitbild "erholen, begegnen, heilen". Während frühmorgendliches "Tautreten" eher zu den ausgefallenen Angeboten gehört, ähneln Massagen, Brandungsbäder, Sauna, Schwimmen im eigenen Pool und diverse Kneipp-Anwendungen schon eher der Angebotspalette in Wellness-Tempeln. Aber eine Schönheitsfarm ist das hier nicht.

Das war auch nicht beabsichtigt, als die Schwestern 1999 nach gut 45 Jahren das Ruder herumrissen. Die Gäste wurden älter, kamen seltener, nicht zuletzt deshalb, weil die Kassen die Kneipp-Kuren nicht mehr bezahlten. Auch sonst fehlte eine strategische Ausrichtung. Bewegung, Ernährung, Wasseranwendungen, Heilpflanzen und Ordnungstherapie, das sind die fünf Säulen der Kneippschen Lehre. Aber "Kneipp war irgendwann nur noch kaltes Wasser", formuliert es Geschäftsführer Bernhard Grunau überspitzt. Der ehemalige Bundeswehroffizier ist eine der wenigen nichtgeistlichen Führungskräfte des ansonsten überwiegend von den Schwestern selbst geleiteten Hauses, das rund 95 "zivile" Mitarbeiter und 10 Ordensschwestern beschäftigt. Doch nicht nur das Konzept stimmte nicht mehr. Der Komfort, damals ohne Duschen auf den Zimmern, entsprach nicht mehr dem Standard. So entschieden sich die weltweit rund 200 Nonnen des Ordens bei einem Generalkapitel für einen kompletten Neuanfang. Mit Ersparnissen und dem Verkauf von klostereigenen Immobilien finanzierten sie dann den 15 Millionen Euro teuren und besonders umweltfreundlichen Um- und partiellen Neubau des Gästehauses.

Das Gebäude mit seinen 79 Zimmern und 99 Betten, schließt sich direkt an das Mutterhaus des Ordens an. Ganz rentabel läuft das Haus seit der Wiedereröffnung im Juli 2003 zwar noch nicht, aber eine Auslastung von 79 Prozent lässt hoffen. "Die Sprache der Zeit sprechen", ohne "peppig" zu sein", beschreibt Grunau die Neuausrichtung, die sich nicht nur an die 50-plus-Generation wendet, sondern Menschen ab 25 Jahren ansprechen will. Einige Gäste sitzen in der großen Halle, warten auf eine Anwendung oder lesen ein Buch. Da ist zum Beispiel eine 38-jährige Brüsseler Beamtin, die nach zwei juristischen Staatsexamen und intensiver beruflicher Belastung gesundheitlich zusammenklappte, mit Medikamenten gepeppelt wurde, bis sie diese nicht mehr vertrug. Eine Woche gönnt sie sich im Kloster, zweifelnd, ob es reichen wird. Den Tipp, den habe sie von anderen Brüsseler Beamten bekommen, erzählt sie. Und da ist eine Antwort, die man sehr oft hört: "Ich suche Erholung für Leib und Seele." Das bekennt etwa jene 64-Jährige, die aus dem Bistum Münster hierhergekommen ist. "Es ist ein Ort der Stille", sagt sie. Für die Katholikin ist der Bezug zu Gott, die Möglichkeit zum seelsorgerischen Gespräch und zum Besuch der Messe sehr wichtig. Die Pflege ihrer 90-jährigen Mutter ist etwas, worüber sie reden will. Und sie sucht nach geistigen Anstößen für den Alltag.

Zu finden sind solche Anstöße beispielsweise im Schwesternchor des Mutterhauses. Fehlt dem nüchternen Zweckbau des Gästehauses der Charme eines alten Klosters, fühlt man sich beim Stundengebet - der Mittagshore - in eine andere, vielleicht bessere Welt versetzt. Die förmliche Strenge des Rituals und das innige Gebet der Schwestern - die 65 Nonnen des Klosters sind im Durchschnitt 75 Jahre alt - vermitteln einen Eindruck von dem, was es bedeutet, den Glauben zum Fundament des Lebens zu machen. Seelsorge und Glauben sind im Kloster Arenberg gegenwärtig, werden aber unaufdringlich behandelt. Zwar hängen in den Zimmern Kreuze über dem Bett und natürlich liegt auch die Bibel zur Lektüre bereit, aber niemand nötigt dem Gast ein Gespräch auf, mahnt zum Besuch der Kapelle oder zum Rosenkranz-Gebet.

Wer aber Beistand braucht, bekommt ihn. Probleme im Gepäck, ja, das habe wohl jeder, meint ein 60-jähriger Jurist, einer der noch unterrepräsentierten männlichen Gäste. Er sei noch nicht so weit, sich einen Gesprächspartner zu suchen, sagt er. Ihm reichen schon die sogenannten Impulse, christliche Denkanstöße, die um 8.15 Uhr früh und 21.15 Uhr am Abend in der betongrauen, kargen Kapelle im Obergeschoss des Erweiterungsbaus gegeben werden. An diesem Abend geht es um das Loslassen. "Den Tag gut sein lassen und ihn Gott zurückgeben", so etwa drückt es Schwester Scholastika aus, bevor sie anhebt zum gemeinsamen Gebet des Vaterunser. Mit ihren 42 Jahren ist die gebürtige Schweizerin die zweitjüngste Schwester, ihr Fachgebiet ist die Seelsorge. In der fünften Säule der Kneippschen Lehre, der Lebensordnung, sieht sie "unsere spirituelle Aufgabe". Mit den morgendlichen Impulsen will sie in dieser Woche auf das Wesentliche des Lebens hinweisen, dazu ermuntern, die Suche nach dem Reichtum des Lebens nicht im Außergewöhnlichen, sondern im Normalen zu beginnen.

Und die Gespräche mit den Gästen? "Bei vielen bricht etwas auf durch die Stille", sagt sie. Den Menschen akzeptieren und annehmen, mit all seinen Schwächen, darum geht es der Nonne. Älter werden, sich ausgebrannt fühlen, der Verlust geliebter Menschen, das sind die Themen, mit denen sich die Gäste an sie wenden. Mittlerweile sind vier Seelsorger für die Gesprächswünsche der Gäste da. Doch im Kloster geht es alles andere als schwermütig zu. Weil sie "nur mal wieder ihr Lachen" hören wollte, rief zum Beispiel eine Leipzigerin einmal Schwester Josefa an. Die 49-Jährige ist die Herrin über den Klosterpark, wo die Gäste im Kräutergarten zwischen Frauenmantel, Schafgarbe, Malven, Ringelblumen und Salbei nicht nur Wissenswertes über Kräuter lernen, sondern sich auch bei der Ernte nützlich machen können. Und oft, ganz nebenbei, kommen sie mit Schwester Josefa über Gott und die Welt ins Gespräch.

Aus dem Grünzeug, das im Klostergarten wächst, lässt sich, nebenbei bemerkt, ein ganz vorzüglicher Tee bereiten. Auch der Apfelsaft, der aus dem Obst der Streuobstwiese gewonnen wird, schmeckt köstlich. Ganzheitlichkeit heißt eben auch, im Einklang mit der Natur zu leben.