Das Wellness Kloster

Die Arenberger Dominikanerinnen bieten Wellness-Angebote als Grundlage für spirituelle Einsichten

Text: Dr. Christoph Quarch


Massage und Meditation




Die Verbindung von körperlicher Entspannung und spiritueller Sammlung
löst heilsame seelische Prozesse aus





Kloster Arenberg in Koblenz

Die Dominikanerinnen vom Kloster Arenberg in Koblenz gehen neue Wege. In ihrem Gästehaus verbinden sie Spiritualität, Wellness und Naturverbundenheit zu einem ganzheitlichen Heilungsangebot.
„Das war das Beste, was sich unsere Ordensoberen einfallen lassen konnten", sagt Schwester Annunziata und deckt die Karten für die nächste Patience auf. Sie hat heute Spätdienst an der Rezeption des Gästehauses ihres Klosters. Das weitläufige Foyer ist menschenleer. Vor zwei Stunden noch herrschte hier reges Leben - wie in einer Hotellobby. Und ein bisschen ist es ja auch so. Denn das Gästehaus der Dominikanerinnen in Arenberg bei Koblenz ist anders als andere Klosterunterkünfte. Es ist eine Mischung aus Kloster, geistlicher Bildungsstätte und - man glaubt es kaum - Wellness-Hotel.

Massage und Meditation

Diese Mischung ist es, von der Schwester Annunziata meint, sie sei eine hervorragende Idee gewesen. Der Erfolg gibt ihr Recht. Seit im Jahr 2003 das Kloster Arenberg grundsaniert und umgebaut mit einem neuen Konzept aufwartete, ist neues Leben in dem altehrwürdigen Ort eingezogen. Achtzig Prozent Zimmer-Auslastung verzeichnete Geschäftsführer Bernhard
Grunau im Jahr 2008. Eine   Zahl, die zeigt, dass das Kloster Arenberg einem Bedürfnis vieler Menschen entgegenkommt: An ein und demselben Ort etwas für Leib und Seele zu tun. Eine Auszeit zu nehmen, um Spiritualität und Gesundheitspflege zu verbinden. Genau das ist in Arenberg möglich: Nach dem Aufstehen ein „geistlicher Impuls", vormittags eine Aroma-Öl-Massage, dann nach einem leichten Mittagessen – ein bisschen Aquafitness und Sauna, später eine Meditation und schließlich zur Vesper in den Schwesternchor. Geist und Sinne, Leib und Seele. Der ganze Mensch soll zu sich kommen - ganz im Sinne der großen Mystikerin Teresa von Avila, die einst sagte: „Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen".

Missionseifer und Gelehrsamkeit

Nun war Teresa keine Dominikanerin, und wenn man sich in der Geschichte dieses Ordens umsieht, mag es überraschen, dass ausgerechnet ein Dominikanerinnen-Konvent den Mut aufbringt, die Verbindung von Sinnlichkeit und Spiritualität zum Programm zu machen. Denn mit dem Namen des Ordensgründers Dominikus (1170 -1221) verbinden sich eher Missionseifer und Glaubensstrenge. Der spanische Mönch machte sich einen Namen bei der „Befreiung" Südfrankreichs von der Häresie der Kartharer. Und seine späteren Ordensleute spielten oft eine unselige Rolle bei Inquisition und Hexenverbrennungen.

Neben dieser eher dunklen Seite gibt es in der Geschichte der Dominikaner aber auch das strahlende Licht der Gelehrsamkeit. Dem „Predigerorden", wie die Dominikaner auch genannt werden, gehörten viele der größten Geister des Mittelalters an: Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Meister Eckhart, Johannes Tauler, Giordano Bruno, um nur einige zu nennen. Heute zählt der Männerorden der Dominikaner rund 6000 Brüder.

Soziales Engagement

Die Dominikanerinnen vom Arenberg haben mit dieser Linie ihrer Ordensvergangenheit allerdings nicht viel zu tun. Sie stehen in der Tradition der apostolischkaritativ tätigen Schwestern, von denen es weltweit rund 47.000 gibt. Man bezeichnet sie auch als Schwestern des „Dritten Ordens", im Unterschied zu den heute noch knapp 2000 Schwestern des „Zweiten Ordens", die sich auf das von Dominikus selbst gegründete Frauenkloster von Prouille  in  Südfrankreich  zurückführen und sich vor allem einer kontemplativen Spiritualität widmen.
Beim Dritten Orden ist das anders. Viele seiner Klöster entstanden vor dem Hintergrund des sozialen Elends im 19. Jahrhundert. So auch die Gemeinschaft von Arenberg, die 1868 von der charismatischen Gründerin Cherubine Willimann ins Leben gerufen wurde. Als sie 1914 starb, umfasste ihre Gemeinschaft 662 Schwestern in 42 „Werken": Krankenhäuser, Sanatorien, Gästehäuser etc.
„Ich habe immer nach einem solchen Ort gesucht..."
Heute zählt die Kongregation noch rund 200 Schwestern. Knapp 60 davon leben im Mutterhaus in Arenberg. Neben ihrem Gästehaus betreiben sie vier Krankenhäuser, eines davon in Düsseldorf-Heerdt. Dort hatte Schwester Annunziata bis zu ihrer Pensionierung gearbeitet. Auf der Infektionsstation, erzählt sie, während ihre Patience langsam Gestalt annimmt. Nun sei sie eine Art „Mädchen für alles" im Gästehaus. Auf die Frage, ob ihr das Spaß macht, antwortet sie knapp: „Und wie!"
Und den Gästen geht es nicht anders. Wo man auch hinhört - Begeisterung. „Ich habe immer nach einem solchen Ort gesucht, wo ich es mir mit Leib und Seele gut gehen lassen kann", schwärmt ein gut gelaunter Senior unter der Dusche im „Vitalzentrum". Und dann erzählt er, dass er zweimal im Jahr mit seiner Frau nach Arenberg kommt, um ein paar Tage Auszeit zu nehmen. Und dass er die Freiheit schätzt, die ihm die Schwestern lassen. „Man ist zu allem eingeladen und wird zu nichts gezwungen".

Shiatsu- Massagen und Beratungsgespräche

Genauso ist es gewollt, bestätigt Martin Hofmeir. Der promovierte Theologe und Psychologe ist für die Programm- und Organisationsentwicklung zuständig. Und für die seelsorgerlichen Angebote. Gemeinsam mit einer Familien- und Paartherapeutin steht er den Hausgästen für Gespräche zur Verfügung, ein Angebot, das regen Zuspruch findet. Hofmeir wundert das nicht. Denn es zeige sich immer wieder, dass die Verbindung von körperlicher Entspannung und spiritueller Sammlung heilsame seelische Prozesse auslöse. „Eine Shiatsu-Massage kann die perfekte Vorbereitung für ein therapeutisches Gespräch sein", weiß er. „Und ein Entspannungsbad kann umgekehrt eine spirituelle Erfahrung aus der Meditation unterstützen".

Kritik von der Kirche

Selbstverständlich ist das ganzheitliche Konzept der Arenberger Dominikanerinnen trotzdem nicht. Kritische Töne über „das Wellness-Kloster" bleiben nicht aus. Und so mancher Kirchenoberer verfolgt das Projekt mit unverhohlener Skepsis. So gesehen erforderte es einigen Mut, als sich die Schwestern Ende der 1990er Jahre für das Sanierungskonzept ihres vor sich hin dümpelnden Gästehaus-Sanatoriums entschieden. Schwestern und Geschäftsführung bildeten damals eine Arbeitsgruppe und überlegten gemeinsam, wie es weitergehen könnte. Geschäftsführer Bernhard Grünau erinnert sich: „Hätten wir damals vorgeschlagen, was Sie heute hier sehen: Es wäre nie entstanden." Einen Masterplan hatte niemand. „Das Konzept ist Schritt für Schritt gewachsen", erzählt er, „und zwar mit dem Segen der Ordensleitung". Es ist ihm wichtig, dass die Schwestern im angrenzenden Mutterhaus immer beteiligt waren und das Sanierungskonzept von Anfang bis Ende unterstützten. Denn das Haus sei nun einmal in erster Linie Kloster - und soll es auch bleiben.
Maßvolle Enthaltsamkeit
Entsprechend wichtig ist dem Geschäftsführer, dass das Gästehaus des Klosters nicht   mit   einem Spa-Hotel verwechselt wird: keine Fernseher auf den Zimmern, ein Speisesaal, in dem geschwiegen wird, ein Klosterladen statt einer Beauty-Boutique. Es sind die Details, die in Aren­berg den Unterschied machen. Und das klare christliche Profil, dem sich im Zwei­felsfalle auch ökonomische Argumente un­terordnen müssen, wie Grünau betont. „Bei uns ist Christus König - und nicht allein der Kunde", bringt er das Profil des Hauses auf den Punkt. Dazu gehört auch das Angebot, beim Mit­tagsgebet der Schwestern teilzunehmen. Eine eigenartige Erfahrung, wenn man wenige Minuten zuvor noch in der Sauna lag: ein Ausflug in eine andere, unterge­hende Welt. Denn wer im Chorgestühl der Nonnen sitzt, begreift sofort, wo ihr Pro­blem liegt: kein junges Gesicht weit und breit. Der Altersdurchschnitt der Nonnen liegt bei 75 Jahren. In naher Zukunft wird der Konvent gewaltig schrumpfen. Die Schwestern wissen das. Und sie suchen nach Wegen in die Zukunft. Ihr Gästehaus zeigt eine Richtung, die möglich ist: Mit der Zeit gehen, ohne die Tradition zu verraten. Die spirituelle Suche der Menschen aufneh­men, ohne das christliche Profil aufzuge­ben. Und auch für das Klosterleben erpro­ben sie neue Formen: Zwei Schwestern sind aus dem Mutterhaus ausgezogen und be­wohnen ein kleines Nebengebäude, wo sie andere, zeitgemäßere spirituelle Wege ge­hen - gemeinsam mit Langzeitgästen, die eine Weile „Kloster auf Zeit" praktizieren.

Meditatives Malvenpflücken

Eine der beiden ist Schwester Josefa. Sie ist eine der Jüngsten im Konvent. Ihr Reich ist der riesige Kräutergarten mit der Kräuterei, in der die Schwestern   verschiedene   Teemischungen  zusammenstellen. Dabei bekommen sie oft Unterstützung von den Hausgästen. „Meditatives Malvenpflücken", steht hoch im Kurs, weiß Josefa zu berichten. Auch darauf gehen die Arenberger ein. Naturverbundenheit ist ein wichtiger Aspekt im ganzheitlichen Konzept des Klosters. Da trifft es sich, dass ein riesiger Park die Klostergebäude umgibt. Schon Pfarrer Kneipp soll bei einem Besuch hier spazieren gegangen sein. Nicht ohne Folgen. Denn sein Geist ist in Arenberg lebendig geblieben und zu neuem Leben erwacht. Irgendwie scheint er an dem zukunftsweisenden, ganzheitlichen Konzept der Arenberger Dominikanerinnen mitgeschrieben zu haben. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass es aufgegangen ist. Ganz so wie die Patience von Schwester Annunziata. Im Gästehaus ist es still geworden. Zeit auch für sie, ins Bett zu gehen. Denn um vier Uhr in der Früh wird sie wieder aufstehen, um sich ihren geistlichen Übungen zu widmen. Zum Klosterleben gehört das dazu. Aber ein Abendbier möchte sie sich vorher doch noch genehmigen. Das Kloster Arenberg wirft so manches Klischee über den Haufen.