Abends beten, morgens Tautreten

Wellnesstage im Koblenzer Kloster Arenberg

Text: Tatjana Stocker
Fotos: Phillipp Rohner, Clara Tuma


Kloster Arenberg in Koblenz


DEHNEN UND STRETCHEN:
Die Nordic-Walking-Gruppe trifft sich auf der Klosterwiese zum Aufwärmen.



DEM HIMMEL NÄHER:
In die Kapelle im siebten Stock können sich
Gäste wie Schwestern zum Gebet zurückziehen.



AQUAFITNESS IM KLOSTER:
Zum Kloster Arenberg gehört ein "Vitalzentrum"
mit Swimmingpool


Eigentlich stellt man sich unter einem Kloster etwas anderes vor:
eine bescheidene Unterkunft, karges Essen und endlose Gebete.
Im deutschen Kloster Arenberg ist alles anders.
Mein Zimmer hat ein Fenster zum Park hin, einen cremefarbenen Polstersessel und einen Computeranschluss. Nur das Bett ist schmaler als üblich, daneben liegt das Neue Testament, und darüber hängt ein Kruzifix. Auch Empfang, Lobby und Speisesaal unterscheiden sich kaum von einem komfortablen Hotel. Außer, dass beim Empfang eine Schwester im Habit am Computer sitzt. Geführt wird das Haus von Schwester Beatrix, zusammen mit dem smarten Verwaltungsdirektor Bernhard Grunau.
Die vitale 67-Jährige hat für alle ein nettes Wort übrig und ist sogar zu Späßen mit dem Fotografen aufgelegt, «schließlich hatte ich vier Brüder, da wird man schlagfertig», sagt sie und lacht ihr herzliches Lachen.
Schwester Beatrix ist nicht die Einzige, die gute Laune verbreitet und immer ein offenes Ohr hat. Auch die anderen Schwestern, die im Gästehaus tätig sind, sind aufgeschlossen, setzen sich auf einen Schwatz zu den Gästen. Wer das Bedürfnis hat, sich auszusprechen, ist hier gut aufgehoben. Schwester Scholastika, die einzige Schweizerin unter den 61 Dominikanerinnen in Arenberg, ist «geistliche Begleiterin» und kennt sich als ausgebildete Pädagogin mit den Problemen ihrer Mitmenschen aus. «Hier fühle ich mich als Mensch ernst genommen», schrieb eine dankbare Frau ins Gästebuch. Es sind viele allein Stehende, vor allem Frauen, die in einer Lebenskrise stecken, einen geliebten Menschen verloren haben und hier Trost und Zuspruch suchen.
Es gibt aber auch solche, die das spirituelle Angebot nicht in erster Linie interessiert. Anna, 19, und Julia Steinfort, 26, begleiten ihre Mutter ins Kloster, weil sie abseits des Karnevalstrubels des Todestags ihres Vaters gedenken wollen. Die beiden Schwestern sind mit Abstand die Jüngsten, doch das stört sie nicht im Geringsten. «Ich finde es toll, dass man hier auch Wellness und Fitness machen kann», sagt Julia, die eben im «Körperzonentraining» war und dieses «ziemlich anstrengend» fand.
Aus dem riesigen Angebot - beim Empfang hängen gut zwanzig A4-Seiten aus - picke ich heraus, was mir zusagt.
Ich verbringe den nächsten Tag mit einem frühmorgendlichen «Impuls in den Tag» in der Kapelle, wo der Theologe und Psychologe Martin Hofmeir über den Segen der Meditation spricht. Wer beim Frühstück noch nicht reden mag, kann auch schweigen: Im kleinen Speisesaal nebenan werden die Mahlzeiten wortlos eingenommen.
Als Nächstes habe ich im Vital Zentrum, einer großen, gekachelten Abteilung, die in ihrer Kargheit an das ehemalige Kneipp-Kurhaus erinnert, eine Massage gebucht. Die Aromamassage unterscheidet sich nicht von den üblichen Wellnessbehandlungen - außer, dass eine Schwester im Habit massiert: Schwester Andrea, Physiotherapeutin und Leiterin des Vitalzentrums.
Am Nachmittag gehts ins Qi Gong. Nach einer Stunde Bewegung im Zeitlupentempo sind meine Muskeln angenehm gedehnt, der Geist ist ruhiger. Nach einem kurzen Spaziergang im Park gilt es, die Zeit bis zum Abendessen zu überbrücken. Einen Fernseher und Zeitschriften hats zwar im Haus, aber ich ziehe mich lieber aufs Zimmer zurück und höre klassische Musik.
Die Gedanken schweifen lassen, nichts tun müssen - das gönnt man sich selten genug. Vor dem Schlafengehen, und im Kloster ist spätestens um zehn Nachtruhe, findet in der Kapelle nochmals eine Andacht statt, der «Impuls in die Nacht». Die Stimmung ist feierlich und konzentriert, es wird gemeinsam gebetet.
Ich schlafe besser als sonst, kein Wunder, bei dieser Stille. Am nächsten Morgen um halb sieben bin ich ausgeschlafen und bereit fürs Tautreten auf der Wiese vor der Klosterpforte..
 

Schwester Scholastika Jurt:
Mitglied der Ordensleitung des Klosters Arenberg in Koblenz.

«Wir sehen uns als weltoffene Gemeinschaft»

SCHWEIZER FAMILIE: Wie kamen Sie als Schweizer Dominikanerin nach Deutschland ins Kloster Arenberg?

SCHWESTER SCHOLASTIKA JURT: Ich bin mit 25 Jahren zum ersten Mal hierher ins Mutterhaus der Dominikanerinnen gekommen und hatte das Gefühl heimzukehren.

Sie sind unter anderem «Geistliche Begleiterin» im Gästehaus. Sind Sie also die gute Seele im Haus?

Nicht nur wir Schwestern, auch unsere 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tragen unser Haus mit. Wir alle machen Seelsorge im ursprünglichen Sinne des Wortes.

Die meisten Gäste haben Erschütterndes erlebt, stecken in Krisen und Beziehungsproblemen oder haben sonstige Verluste zu tragen. Manche sind auch ganz bewusst auf der Suche nach Gott, den sie verloren zu haben glauben. Andere suchen nur Erholung, auch das ist möglich.

Seinen Weg zu finden ist wohl etwas vom Schwierigsten überhaupt.

Sicherlich. Es gilt im Leben herauszufinden: Was ist mein ureigenes Bedürfnis, meine Berufung? Was erfüllt mich und macht mich wahrhaft glücklich?
Lässt sich Ihr spirituelles Angebot mit dem Wellnessangebot des Klosters vereinbaren?
Das Ordensleben ist alles andere als lebensfeindlich. Das Bild der Nonne wie im Film „Geschichte einer Nonne“ mit Audrey Hepburn ist überholt und ein Klischee. Wir Schwestern betrachten uns als weltoffene Gemeinschaft, deren Aufgabe der Dienst an den Mitmenschen ist. Alles, was dem Wohl dient, möchten wir aufgreifen. Ich sehe nichts Schlechtes darin, Sport zu machen oder seinen Körper zu pflegen.

Gönnen Sie sich selbst hin und wieder eine Massage im «Vitalzentrum»?

Ich drehe lieber im Schwimmbad meine Runden. Wenn ich Zeit für mich habe, setze ich mich am liebsten draußen auf eine Bank und lese.