Drei Tage zu Besuch bei Gott

Ferien im Kloster:
- in Arenberg bei Koblenz sind das Wellness- Tage mit Gottes Segen. Bella-Redakteurin Stefanie Pesch über ihre erfolgreiche Suche nach weniger Stress und mehr Glück

Text und Fotos: Stefanie Pesch

Am ersten Tag zünde ich in der Kapelle eine
Kerze an. Für alle meine Wünsche




Zimmer mit Aussicht: Ich wohne
gleich neben Maria und habe einen
herrlichen Ausblick in den
Klostergarten




Einmal in der Woche holen sich die
Schwestern frische Gartenblumen
aufs Zimmer




Jeden Tag gehe ich eine halbe
Stunde zur Wassergymnastik.
Im Sommer der perfekte Sport
für mich



Das Kloster In Arenberg: Seit 1864 leben hier
die Domminikanerinnen. Heute sind es 65 Ordensschwestern


Zur Belohnung gibt es eine Ausgiebige Massage von Schwester Andrea


Momente der Stille: Beim Blick auf
den Klosterteich kann ich den
stressigen Alltag vergessen



Auf dem Dachboden der Kräuterei
liegen die frischen Kräuter zum
Trocknen auf Sieben



Wer möchte kann mit den
Schwestern beten

Zugegeben: Als ich ins Kloster Arenberg komme, weiß ich nicht, wonach ich suche „Keine Angst: Was Sie brauchen, wird sich hier finden.
Da müssen Sie gar nichts tun“, sagt Schwester Maria Josefa und lächelt.

Maria, so heißen alle 65 Ordensfrauen hier. Im Durchschnitt sind die Arenberger Dominikanerinnen 72 Jahre alt. Zu jung, um ihre Ordensgemeinschaft nicht noch einmal vollkommen auf den Kopf zu stellen. Das taten sie 2001. Sie setzten sich zusammen und diskutierten die Zukunft ihres Klosters: schließen oder Neubeginn? Aufgeben oder versuchen, sich der Zeit anzupassen. Sie machten weiter. Was sie den Menschen bieten wollen, ist ein Ort der Ruhe und Besinnung. Mal schauen, ob das auch bei mir funktioniert.

„Wer keine Ruhe findet, verpasst zu viel“

In einer Woche wird meine Hochzeit sein. Seit Wochen renne ich von Termin zu Termin: Probeessen, Kleid aussuchen, Fotografin buchen. Das alles vor 9 und nach 19 Uhr. Dazwischen arbeite ich. Alles läuft seinen gewohnten hektischen Gang. Und ich hetze mit wie im Hamsterrad. Was mir fehlt, sind die Momente, in denen ich durchatmen kann. „Sehen Sie: Genau so geht es den meisten Menschen. Sie kommen nicht mehr zur Ruhe. Nicht mal vor so wichtigen Tagen wie der eigenen Hochzeit. Oder gerade dann nicht. Doch wer keine Ruhe findet, übersieht die schönsten Seiten des Lebens“, sagt Schwester Josefa.

Ruhe — genau die scheinen auch die anderen 99 Gäste zu suchen. Ich sehe Männer wie Frauen, Junge wie Alte. Ja, sogar Familien mit Kindern kommen her. Sie wohnen nicht in kargen Zimmern mit harten Betten, sondern in fröhlich eingerichteten Räumen mit gemütlichen Ohrensesseln. Teilweise mit eigenem Balkon und Blick in den Klosterpark. Es gibt ein Schwimmbad, eine Sauna, viele Sportangebote. Und ungezählte Orte, an denen man einfach die Seele baumeln lassen und sich Gott vielleicht ein bisschen näher fühlen kann.

Okay, ich glaube an Gott. Und Weihnachten gehe ich sogar in die Kirche. Ansonsten aber frage ich mich: Werde ich mehr Nähe zu Gott fühlen, nur weil ich hinter Klostermauern schlafe? Können mir die Tage hier wirklich Ruhe schenken oder mein Leben sonst irgendwie reicher, gelassener, glücklicher machen? Einen Versuch soll es mir wert sein.

Als Erstes bekomme ich eine Art Stundenplan: 6.30 Uhr Morgengebet mit den Schwestern, steht da. 7 Uhr Tautreten und Walken im Klosterpark. 8.15 Uhr Andacht für den Tag, dann Frühstück. Und so geht es weiter in einem bunten Mix aus christlichen Ritualen, Essen, Meditation und sanftem Sport. Brav finde ich mich gleich am ersten Morgen um 6.45 Uhr zum Walken im Kloster-Park ein. Diesen Sport hielt ich immer für eine Entdeckung der modernen Welleness-Bewegung. Was aber stelle ich fest? Vor mir dreht eine Schwester in Tracht ihre Runden.

So zügig, dass es mir nicht ganz leicht fällt mitzuhalten. „Das ist mein festes Morgenritual. Ich tue das schon, seit ich hier lebe. Und das sind mehr als 40 Jahre“, sagt sie. „Wir haben ganz klare Prioritäten. Am wichtigsten sind Schlaf und Bewegung. Danach kommen das Gebet, die Beziehungen zu unseren Mitschwestern und erst dann die Arbeit.“

Ich muss die grauhaarige Nonne mit der dicken Brille wohl angeschaut haben wie ein Auto: „Überlegen Sie doch einmal“, schiebt sie sanft nach. „Wenn Sie nicht schlafen und sich auch nicht um Ihren Körper und Ihre Seele kümmern, kann Ihnen keine Beziehung und keine Arbeit wirklich gelingen.“

So habe ich die Sache noch nie betrachtet, Ich gehöre zu den Menschen, die in möglichst kurzer Zeit möglichst viel abarbeiten möchten. Meist kümmere ich mich erst mal um die Dinge, die zu erledigen sind. Und danach denke ich dann an mich. Aber ich muss zugeben: An der Sicht der Schwester ist was dran.

Dieses gute Gespräch motiviert mich, die Morgenandacht zu besuchen. Jeder Platz in der Gästekapelle ist besetzt. Wir singen ein Lied. Dann redet Schwester Maria Scholastika über Freiheit. Und bittet uns alle, an diesem ganz normalen Donnerstag einmal darauf zu achten: In welchen Momenten fühlen wir uns frei? Wann begrenzen wir uns selbst? Und welche unerwarteten Momente von Freiheit werden uns geschenkt?

Eine Frage, über die ich am Vormittag intensiv nachdenke.

Normalerweise ist mein Tag belegt: mit Arbeit, Haushalt und Garten. Auto zum TUV fahren. Stromanbieter wechseln. Einkaufen. Bügeln. Und es stimmt: Wann bin ich eigentlich dran? Wann fühle ich mich wirklich frei? An den Abenden, an denen ich mit meinem Freund Tango tanze vielleicht. Ein liebgewonnenes Hobby, das ein Gefühl von Freiheit schenkt. Das sollte ich öfter tun.

„Beim Essen zu schweigen, fühlt sich zuerst komisch an“

Beim Mittagessen wird mir dann noch etwas klar: Ich nehme mir nicht einmal die Freiheit, jeden Tag in al1er Ruhe zu essen. Ein Brötchen am Schreibtisch und weiter geht‘s — so sehen meine Mittagspausen oft aus. Hier im Kloster mache ich es anders:
Ich esse in dem Teil des Speisesaals, wo man zu bestimmten Zeiten schweigt. Es gibt Hühnchenfilet mit gedünstetem Fenchelgemüse. Und dazu frischen Apfelsaft aus den Apfeln des Klostergartens. Schweigend zu essen, fühlt sich zuerst komisch an. Aber die Gäste und Schwestern nicken mir freundlich zu. Eine setzt sich zur mir an den Tisch. Anfangs esse ich schneller. Dann schaue ich auf— und sehe, wie langsam und genussvoll die Schwester jeden einzelnen Bissen auskostet.

„Wir helfen jedem Menschen, egal, woran er glaubt.“

Schon der Anblick „entschleunigt“. Und ich nehme mir fest vor: In Zukunft werde ich von allen Kollegen die sein, die in der Mittagspause am wenigsten redet und am langsamsten isst.

Nachmittags bin ich mit Schwester Josefa verabredet. Wir treffen uns zum Kräutersortieren gleich neben dem großen Apothekergarten. „Die Gäste lieben diese Arbeit“, sagt Jose— fa. „Sie entspannt, und man kann sich wunderbar dabei unterhalten.“ Das sei überhaupt der wichtigste Grund, warum viele Klosterurlauber immer wieder nach Arenberg kommen. „Sie suchen Aussprache. Manche wollen über ihre Sorgen reden, über Schicksalsschläge, die ihnen zugestoßen sind. Andere möchten einfach nur mal in den Arm genommen werden.“ Das alles geschieht mit unglaublich viel

Liebe, Zeit, Geduld und Freundlichkeit. „Genau das begreifen wir eben als unsere wichtigste Aufgabe.“

Ich finde, dass diese Dienerinnen Gottes einen ziemlich guten Job machen. Keiner fragt, ob ich katholisch, evangelisch oder gar nichts bin. Ich bin hier. Das zählt. Ob Gespräche, Gesänge, Gebete — alles in Arenberg ist ein Angebot. Nichts wird verordnet. „Wir wollen niemanden missionieren. Wir sehen nur den Menschen. Egal, woher er kommt, egal, woran er glaubt“, sagt Schwester Josefa. Dann nimmt sie mich fest in den Arm. Nicht, weil ich darum gebeten habe. Sondern einfach so. Ich lasse es geschehen. Und auf einmal spüre ich eine unglaubliche Ruhe. Drei Tage hier in Arenberg — und ich habe tatsächlich die meiste Hektik vergessen.
Ja, nun kann ich heiraten.

Und mein Verlobter bekommt eine ziemlichm gelassene Frau. Als ich nach Arenberg kam, wusste ich nicht, wonach ich suchte. Aber nun weiß ich, dass ich etwas gefunden habe: Wärme, die aus tiefsten Herzen kommt.

Ich habe staunend gelernt, wie köstlich frischer Apfelsaft schmeckt. Und auch, wie gut es tun kann, einfach von einer Fremden in den Arm genommen zu werden.Vielleicht habe ich sogar gelernt, langsamer zu leben. Und dafür genauer hinzusehen. Drei Tage ist mir das schon gelungen. Ich glaube, Gott hat es gefreut