Armut bewegt

Um Gottes Willen ‒ freiwillig in Armut leben?

Ich gebe zu, ich komme mir komisch vor. Da bekomme ich die spannende Aufgabe, einen Impuls zum Thema "freiwillig in Armut leben" zu schreiben und fühle mich gleichzeitig unsagbar reich beschenkt ‒ von Gott, von meiner Familie, von meinen Mitschwestern, von lieben Menschen und treuen Freunden, mit denen ich seit Jahren unterwegs sein darf. Und doch habe ich das Leben in freiwilliger Armut, welche neben dem Gehorsam und der Jungfräulichkeit zu unseren drei Ordens-Gelübden zählt, als wichtige Säule meiner Lebensform gewählt. Habe ich eigentlich überhaupt das "Recht" dazu, etwas über Armut zu schreiben? Und doch ‒ ich will es versuchen, und versuche es aus meiner eigenen, sehr persönlichen vielleicht beschränkten Sichtweise heraus...

Freiwillig ‒ unfreiwillig
Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es für einen Menschen kaum etwas Bedrohlicheres, Grausameres geben kann, als dass ihm das Notwendigste zum Leben fehlt, wirkt der "evangelische Rat" zum Leben in Armut ja geradezu wie blanker Hohn. Wie kann so etwas Weisung des Evangeliums, Gottes Wille sein, wo er sich doch danach sehnt, dass wir das "Leben in Fülle" haben (vgl. Joh 10,10) wie in der Heiligen Schrift immer wieder betont wird? Aus diesem Grund ist es mir auch wichtig, zunächst klarzustellen, dass unsere freiwillig gewählte Armut mit der unfreiwilligen Armut genauso viel bzw. so wenig zu tun hat, wie Fasten mit Hunger leiden. Die unfreiwillige Armut ist und bleibt ein Skandal, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt!

Sr. M. Modesta im Arenberger Kräutergarten

Was besitze ich ‒ wovon bin ich besessen?
Um erst einmal auf die natürlich wichtige materielle Seite einzugehen: Ein einfacher, bescheidener Lebensstil, vor allem auch die gelebte konkrete Solidarität mit den Ärmsten der Armen ist sicherlich ein ganz bedeutsamer Aspekt. Immer wieder geht es darum, mich selbst zu hinterfragen, was brauche ich wirklich zum Leben, was nährt mich, und womit stopfe ich mich möglicherweise einfach nur sinnlos zu, was trage ich womöglich an unnötigem Ballast mit mir herum, der mir doch nur das Leben schwer macht. "Bring einfach alles mit, wovon du glaubst, dass es dir hilft auf deinem Weg mit Gott. Vielleicht kommt dann einmal der Tag, an dem du sagen kannst: Nein, das kann ich jetzt getrost abgeben, das brauche ich nicht mehr." So lautete die Antwort meiner Novizenmeisterin, als ich sie kurz vor meinem Ordenseintritt fragte, was ich denn alles ins Kloster mitbringen dürfe. Nach anfänglicher Verwunderung wurden diese Worte mir ein wichtiger Schlüssel, um zu verstehen, worauf es wirklich ankommt. Es geht also keineswegs darum, möglichst ohne Umwege zur Bedürfnislosigkeit zu gelangen, sondern sich vielmehr seiner eigenen Bedürftigkeit bewusst zu werden, und diese auf gesunde, vor Gott und den Menschen verantwortungsvolle Art und Weise zu gestalten.

Innere Armut
Die Armut als Lebensweisung zu wählen, heißt für mich aber auch, meine eigene innere Armut anzunehmen. Es ist manchmal geradezu erschreckend, wieviel Energie wir Tag für Tag darauf verwenden, nach außen hin möglichst gut da zu stehen, uns gut "zu verkaufen", erfolgreich und perfekt zu sein. Immer wieder sind wir geneigt, unsere schwachen Seiten vor uns selbst und erst recht vor anderen zu verbergen und auszuklammern, was auf Dauer krank macht. Wie ungeheuer befreiend kann es da sein, mich mehr und mehr darin einzuüben, aus ganzem Herzen meine eigene armselige Wahrheit zu bejahen und mich nicht ständig anders darzustellen oder schön zu reden. Zufrieden zu sein mit dem, was mir persönlich an Begabungen und Talenten geschenkt ist, statt mich mit anderen zu vergleichen und irgendwo hinzuträumen. Mir unter Umständen schmerzlich einzugestehen, dass ich unter Negativ-Gefühlen wie Eifersucht oder Neid leide, statt solche scheinbar niederen Instinkte hübsch zu verdrängen. Und all dies im Gebet auch vor Gott zur Sprache zu bringen, denn er kennt uns sowieso besser als wir selbst und ist größer als unser Herz.

Falsche Schätze loslassen
Manchmal häufen wir "Reichtümer" in unserem Innern an, derer wir uns gar nicht bewusst sind, und die gerade deshalb unter Umständen ein ganzes Leben lang quälen können. Ein Psychologe bezeichnete diese Art von Reichtum einmal treffend als den "Reichtum an schlechten Erfahrungen". Damit ist dieser Berg an Enttäuschungen, Verwundungen, Verurteilungen und negativen Erinnerungen gemeint, der unbemerkt wächst und wächst und uns bis in die Verbitterung treiben kann. Mich zu entscheiden, auch diesen falschen Schatz mehr und mehr loszulassen, mit einem versöhnten Herzen tapfer von Neubeginn zu Neubeginn zu gehen, heißt, immer wieder ganz bewusst den Weg des Lebens zu wählen.