Pharmazie zwischen Klostermauern

Text: Bettina Hagen

Apotheker mit Herz und Seele – solche Pharmazeuten sind nicht nur in der Offizin zu finden. In der besonderen Perspektive wollen wir in loser Folge einmal nicht die Apotheke in den Vordergrund stellen, sondern Kollegen, deren Weg aus der Apotheke heraus in ganz neue Berufsfelder führte. In dieser Ausgabe stellen wir die promovierte Apothekerin und Klosterschwester Ursula vor.


Der Tag fängt früh an für Schwester Ursula. Um halb sechs klingelt der Wecker, dann geht es direkt in die Meditation. Nicht unbedingt ein klassischer Tagesbeginn für eine promovierte Pharmazeutin. Doch Alltag für Schwester Ursula, die vor fünf Jahren ihren Job in der elterlichen Apotheke an den Nagel hing und sich für ein Leben im Kloster entschied.

"Es war ein langer Prozess", erzählt sie heute. "Ich wollte meinen Glauben stärker leben und mich in die Kirchenarbeit einbringen. Kloster kam aber für mich eigentlich nicht in Frage". Das änderte sich nach mehreren Schnupperaufenthalten im Kloster Arenberg, oberhalb von Koblenz. Das Gemeinschaftserlebnis der Schwestern, das intensive Leben mit Gott hatte einen starken Eindruck hinterlassen, der den Bruch mit der ursprünglichen Lebensplanung besiegelte. "Meine Familie war zuerst schockiert", sagt sie rückblickend, "aber inzwischen sehen sie, wie glücklich ich hier bin, und akzeptieren es". Dabei strahlt sie eine Lebensfreude aus, die keinen Zweifel daran lässt, dass die Entscheidung für sie die richtige war.

Heilkräuter werden professionell angebaut
Doch die leidenschaftliche Apothekerin kommt trotz Habit immer wieder durch. Zum Beispiel wenn sie Gäste durch den Apothekergarten im weitläufigen Park des Klosters führt und ihnen die unterschiedlichen Wirkungen von Heilpflanzen erklärt. Oder wenn sie Vorträge hält, zu Themen wie Heilkräuter und Erkältungen, Frauenkrankheiten, ätherischen Ölen oder Weihnachtsgewürzen.

Sonnenhut, Pfefferminze, Johanniskraut, Eibisch, Rosmarin oder Salbei – auf dem Arenberg werden diese Kräuter professionell angebaut und zu Tees, Salben, Tinkturen und Likören verarbeitet. Ganz im Sinne der klösterlichen Tradition setzen die Arenberger Dominikanerinnen auf die Wirkung der Phytotherapie. Ein Eldorado für Schwester Ursula, die sich schon im Studium am liebsten mit pharmazeutischer Biologie beschäftigte und auch in ihrer Dissertation über pharmazeutisch-wirksame Inhaltsstoffe von Moosen dieser Vorliebe treu blieb.

Vor zwei Jahren schrieb sie gemeinsam mit einer Mitschwester ein Buch über die Heilkraft aus dem Klostergarten, in dem sie ihr ganzes pharmazeutisches Wissen einbringen konnte. Immer wieder werden sie und die anderen Schwestern auch von Gästen angesprochen, die mehr über die Wirksamkeit von Heilkräutern wissen wollen.

Schwester Ursula, alias Ursula Hertewich, stammt aus einer alteingesessenen Apothekerfamilie. 1896 gründete ihr Urgroßvater im saarländischen Wadgassen die Mathilden-Apotheke, seitdem ist sie im Familienbesitz. Dass sie Apothekerin werden wollte, wusste die heutige Ordensschwester schon mit fünf Jahren, ebenso wie ihre Schwester, die den Familienbetrieb in die nächste Generation führen wird.

Zwei Jahre stand sie nach Studium und Promotion in der elterlichen Offizin, bevor sie den gänzlich anderen Lebensweg einschlug. "Es ist eine klassische Landapotheke. Ich habe dort gerne gearbeitet und besonders die Gespräche mit den Menschen geliebt". Fehlt das heute? "Nein", sagt sie überzeugt, "in meiner jetzigen Arbeit gehe ich dem noch viel intensiver nach".

Aufgabe zur Seelsorgerin steht derzeit in Fokus
Schwester Ursula lässt sich zur Seelsorgerin ausbilden. Für den Apothekergarten bleibt nur noch wenig Zeit, ständig ist die 34-Jährige auf Seminaren und Schulungen. "Geistliche Begleitung wird von unseren Gästen sehr häufig gewünscht", erklärt sie. Kloster Arenberg hat ein modernes Gästehaus mit großer Wellnessabteilung. "Doch unsere Besucher wollen oft mehr als nur körperliche Erholung, es geht ihnen auch um Gespräche und Denkanstöße". Die bekommen sie in der Seelsorge. Ein Team von drei Seelsorgern bietet regelmäßig Gesprächsstunden an, in der Gruppe oder allein. Das Angebot wird dankbar angenommen, die Nachfrage steigt kontinuierlich. "Es sind Menschen, die an Wendepunkten stehen, aber auch Themen wie Burn-out, Mobbing, Trennung und Trauer werden besprochen".

Der Alltag im Kloster verläuft nach den strengen Ordensregeln mit sieben Gebetszeiten und festen Arbeitsstunden. Ora et labora wird wörtlich genommen. Der Terminkalender der Schwestern ist eng und unterscheidet sich kaum von denen anderer Arbeitnehmer. Trotzdem finden sie Zeit, sich im Internet über Facebook mit andern auszutauschen oder ihre Erfahrungen in einem eigenen Blog zu beschreiben. 373 Facebook-Freunde hat Schwester Ursula inzwischen, darunter zahlreiche Glaubensbrüder und -schwestern. Das Klischee vom trostlosen Leben hinter dicken Klostermauern stimmt längst nicht mehr.

Moderne Medien sind auch im Kloster selbstverständlich
Die Schwestern sind modern und gehen mit den Neuen Medien ebenso selbstverständlich um, wie mit Gebetbuch und Rosenkranz. Könnte sich Schwester Ursula vorstellen, wieder in einer Apotheke zu arbeiten? "Grundsätzlich schon" sagt sie, "wer weiß, was alles passiert". Ein Jobangebot von einem Apotheker in Arenberg hat sie bereits bekommen.

Unser Buchtipp: Heilkraft aus dem Klostergarten, Kosmos Verlag, 2007, M. Josefa Bölinger / Ursula Hertewich, ISBN 978-3440109496
Hier gehts zum Buch