Wellness im Kloster

Obwohl hierzulande nur noch wenige Menschen in eine Ordens-Gemeinschaft eintreten, treibt es immer mehr Zeitgenossen zumindest zeitweilig in die Klöster.

Von Martin Hofmeir

Obwohl hierzulande nur noch wenige Menschen in eine Ordens-Gemeinschaft eintreten, treibt es immer mehr Zeitgenossen zumindest zeitweilig in die Klöster. Man sieht es an der Vielzahl der Klosterführer, die seit ein paar Jahren wie Pilze aus dem Boden sprießen, und auch aus eigener Erfahrung kann bestätigt werden, dass die Nachfrage bezüglich Urlaub im Kloster größer denn je ist.
Zumal wenn dort nicht nur das herkömmliche Programm geboten wird, sondern mit Wellness-Angeboten kombiniert wird. So schrieben etwa zwei Frauen ins Gästebuch von Kloster Arenberg:
"Einen ,Wellness- Urlaub‘ hatten wir gebucht, doch auch etwas für die Seele gesucht. All das haben wir hier gefunden, so konnten Leib und Seele wieder gesunden!“ Aber was suchen diese modernen Klosterurlauber genau?
Und was finden sie im Kloster vielleicht mehr als anderswo?

Fragt man die Klostergäste, was ihnen besonders gut tut - diese Frage wird in Kloster Arenberg auf den Gästefragebögen tatsächlich gestellt - werden in großer Regelmäßigkeit zwei Dinge hervorgehoben:
Die Herzlichkeit des Personals und die Ruhe des Hauses.
Auch andere Qualitätsmerkmale werden immer wieder genannt: die harmonische, lichte Architektur des Hauses, die Inneneinrichtung mit ihren warmen, fröhlichen Farben, der wunderbar angelegte, weitläufige Klosterpark und Kräutergarten, das schmackhafte und gesunde Essen, das ganzheitliche Konzept, das breite spirituelle Angebot ... Aber weder diese Vorzüge noch einzelne Angebote des Tages- oder Wochenprogramms scheinen die entscheidenden Punkte zu sein. Das Besondere wird von den Gästen vielmehr in den menschlichen Qualitäten und in der Atmosphäre, die im Hause herrscht, gesehen.
Die Menschen, die nach Kloster Arenberg kommen, suchen offenbar zutiefst eine herzliche und auch ruhige Atmosphäre. Sie spüren, wie gut es ist, sich der Ruhe und Stille auszusetzen. Stille und Geborgenheit scheinen mehr als alles andere neue Kräfte zu verleihen, lassen zur eigenen Mitte finden und heilen so manche
Wunde.

Vielfalt und Freiheit

Wenn das Entscheidende nicht die einzelnen Angebote zu sein scheinen, warum leistet sich ein Kloster dann ein so großes Vitalzentrum mit Schwimmbad, Sauna, Fitnessraum, Kneippanwendungen, Fußpflege, Massagen etc. und ein so breites spirituelles Programm, das nicht nur klassisch katholische Angebote beinhaltet (Eucharistie, Stundenge auch Meditation und unkonventionelle spirituelle Angebote wie die sogenannten Morgen- und Nachtimpulse)
Der Grund für das breite Angebot liegt zum einen in der Vielfalt der Gäste. Da Kloster Arenberg für Frauen und Männer gleich welchen Alters und gleich welcher Konfession da sein möchte, braucht es unterschiedliche Formen der religiösen und körperlichen Betätigung. Menschen, die kaum kirchlich sozialisiert sind, tun sich oft schwer, einen Zugang zum Stundengebet oder zur Eucharistie in der Mutterhauskirche zu finden, kommen aber gerne zu einem kurzen spirituellen Impuls in die Kapelle oder zur täglichen Meditation in den Meditationsraum. Oder ein anderes Beispiel:
Auch wenn sich das morgendliche Walking im Klosterpark einer gewissen Beliebtheit erfreut, ziehen andere es vor, sich im Schwimmbad zu bewegen oder im Fitnessraum aktiv zu werden.
Und wer Ruhe sucht, findet diese nicht nur in der Kapelle, sondern vielleicht noch mehr im Ruheraum der Sauna oder etwa bei der Mitarbeit im neu angelegten Kräutergarten.
Die Ausweitung des Angebots entspricht dem Leitspruch, der die inhaltliche wie auch die bauliche Umgestaltung des Hauses begleitete:
Das gute Alte bewahren und mit dem notwendig Neuen verbinden. Diese Kombination von Tradition und Progression und die damit verbundenen Auswahlmöglichkeiten werden von den Gästen sehr geschätzt. Insbesondere im religiösen Bereich wird positiv vermerkt, dass man sich zu nichts gedrängt fühlt.
Gerade diese in Kirchengefilden und auch hinter Klostermauern oftmals nicht vermutete Freiheit ermöglicht, sich für spirituelle Impulse zu öffnen. Viele Gäste schätzen die Verbindung von Wohlwollen und Freiraum, die „aufmerksame Zurückhaltung“ oder das „Geborgensein in Freiheit“, wie es verschiedentlich zum Ausdruck gebracht wird.

Wellness?

So sehr man sich über das große Interesse und die damit verbundene Chance, viele Menschen zu erreichen, freuen mag, wirft es doch auch die Frage auf, ob es richtig und stimmig ist, das eigene Angebot in den Horizont von „Wellness“ zu stellen bzw. stellen zu lassen.
Läuft man mit dieser Anpassung an den Zeitgeist nicht Gefahr, das eigene christliche Profil preiszugeben? Suggeriert „Wellness“, diese Verbindung von sich wohlfühlen (Wellbeinig) und gut in Form sein (Fitness), nicht ein ganz anderes Lebensmodell, eine selbstbezogene Lebensweise, die sich etwa ausdrückt in dem Werbeslogan „Wellness fürs Ich“?
Ist die christliche Verheißung von Lebensfülle nicht etwas ganz anderes als das „Wohlfühlglück“ der Wellness-Anbieter?

Gottes- und Nächstenliebe

Die christliche Freude ist in der Tat weit mehr als Spaß und Wohlfühl-Freude.
Tiefes Glück ereignet sich in christlicher Perspektive gerade nicht, wenn ich auf mich selbst fixiert bleibe, sei es auf meine Gesundheit, auf mein Wohlergehen oder auch auf meine Verletzungen und Sünden.
Im Fokus der christlichen Glücks-verheißung steht die Bereitschaft und Fähigkeit, Gott und die Mitmenschen mit allen Kräften zu lieben. Es geht um eine Liebe, die letztlich bereit ist, sich
voll für andere zu investieren, sich ganz hinzugeben und immer wieder loszulassen.
Diese Erfahrung zeigt sich auch heutzutage, wenn etwa die Ordensfrau Ruth Pfau im Rückblick auf ihr hingebungsvolles Leben sagen kann:
„Ich habe mein Leben gelebt, voll und ganz und intensiv ... Danke für die mehr als 70 Jahre und dass du mir behutsam alles genommen hast, was nicht das ,Eigentliche‘ ist.“

„...wie dich selbst“ (Lk 10,26)

Menschen wie Ruth Pfau oder Cherubine Wilimann, die Gründerin der Arenberger Dominikanerinnen, haben in ihrem Leben schier Unmenschliches vollbracht, weil sie Maß genommen haben an Gott, weil sie radikal von sich abgesehen und sich auf den maßlosen Gott eingelassen haben.
Diese christliche Ganzhingabe ist zu bewundern, kann jedoch auch zu Überforderungen führen. Die Tendenz zur Maßlosigkeit kann Menschen verleiten, sich beruflich oder privat zu verbrauchen, ohne dafür die nötigen spirituellen, psychischen und physischen Ressourcen zu haben.
So trifft man im Kloster Arenberg immer wieder auf Gäste, die sich selbst überfordern oder von anderen überfordert werden, auf Menschen, die es nicht gelernt haben, gut für sich selbst zu sorgen. Diese erschöpften Menschen bedürfen weniger des Hinweises auf die Nächstenliebe, sondern vielmehr einer Einladung, Maß zu halten und sich auch selbst etwas Gutes zu tun.
Es gibt eine legitime christliche Selbstliebe, welche die Nächstenliebe ergänzt, ja sogar voraussetzt. „Du sollst Deinen Nächsten lieben“, heißt es nämlich, „wie dich seIbst" Dieser Zusatz, der eine gesunde Eigenliebe impliziert, ist in der christlichen Verkündigung lange Zeit vernachlässigt und zum Teil wohl ganz ausgeblendet worden. Schon Bernhard von Clairveaux musste den damaligen, offenbar total überarbeiteten Papst Eugen III. ermahnen:
„Gönne dich dir selbst"
Dass die Nächstenliebe bei einer gesunden Selbstliebe nicht auf der Strecke bleibt, ja diese sogar befördert, zeigt das Beispiel einer Frau, die im Gästebuch dafür dankt, dass ihre beiden Kinder und ihr Mann „eine ausgeruhte und fitte Mama! Frau“ zurückbekommen.

Leib und Seele

In Verbindung mit der einseitigen Betonung der Nächstenliebe ist auch die Tendenz zu sehen, die moralisch-seelische Entwicklung zu forcieren, die Sorge um den Leib hingegen gering zu achten. Das Christentum könnte von der WellnessBewegung, der es um eine Harmonie von Körper, Geist und Seele geht, durchaus lernen, auch den Leib wieder wohlwollend in den Blick zu nehmen.
Allerdings muss man auch kritisch feststellen, dass die spirituelle Leiberfahrung im Weilness-Kult, insofern es dabei vornehmlich um Behaglichkeit und Zerstreuung geht, oft an der Oberfläche bleibt:
„Die Tiefe wird verspachtelt“, stellen Jäger/Quarch fest, „während die Oberfläche poliert wird.“
Dass bewusste Leiberfahrungen von spiritueller Relevanz sein können, zeigt sich in der Praxis von Kloster Arenberg immer wieder, etwa in dem Beispiel eines Priesters, der eine tiefe spirituelle Erfahrung, die ihm in der Kapelle zuteil wurde, auch auf die vorausgegangene Massage im Vitalzentrum zurückführte.
Diese tiefe Erfahrung leib-seelischer Einheit ist bisweilen mit großen Erschütterungen und Umkehrbewegungen verbunden. So mancher Gast kehrt nicht nur erholt, sondern auch tief berührt und innerlich verändert in seinen Alltag zurück, wie das abschließende Beispiel eines Mannes veranschaulicht, der seinen Eintrag ins Gästebuch „Revision de vie“ betitelte:

Revision de vie
Ich habe so viele glückliche Gesichter gesehen.
Dieser Ort der Sinnlichkeit. Erfüllt von deinem Geist.
Wie eine wahre Quelle, Impulse frisch und klar.
Heilig diese Lebensfreude.
Gemeinschaft, Mensch sein, ich spüre lebendiges Evangelium.
Leib und Seele, zusammengekommen.
Verbunden, berührt. Gott, du sichere, verlässliche Größe.
Revision de vie