Eintauchen in eine andere Welt

Kloster Arenberg bietet seinen Gästen selten Gewordenes: Hinter Klostermauern können sie ihren Alltagsstress ablegen

Eintauchen in eine andere Welt Kloster Arenberg bietet seinen Gästen selten Gewordenes: Hinter Klostermauern können sie ihren Alltagsstress ablegen

Text und Fotos: Anna Wirth

Für Sabine Funk der Höhepunkt des Tages: Gerne hilft sie den
Schwestern bei ihrer Arbeit im Kräutergarten. Bei warmem Wetter
genießt sie das Ernten, vor allem aber die Gespräche mit den Dominikanerinnen. Die freiwillige Arbeit ist für sie Teil eines jeden Aufenthalts im Kloster. Mit einigen der Schwestern verbindet sie
mittlerweile sogar eine Freundschaft.
Trotz Arbeit immer fröhlich:
Schwester Irmingard (links) und Schwester Modesta (Mitte) zeigen Sabine Funk, wie der selbst angebaute Tee abgefüllt und verpackt wird
Sabine Funk nutzt auch die Zeit in ihrem Zimmer zum Abschalten. Ruhe findet sie beim Lesen.

ARENBERG. Es ist erst kurz nach Sonnenaufgang, als im Park des Klosters Arenberg langsam der Tag erwacht. Wenn sich hier, um sieben Uhr morgens die ersten Sonnenstrahlen über die Wiese ergießen, begrüßen die Vögel mit lautem Gezwitscher bereits die Teilnehmer des Tautretens zwischen saftig blühenden Pflanzen und Bäumen auf der Wiese vor dem Hauptgebäude.

„Das ist einfach eine wunderschöne Art, den Tag zu beginnen", sagt Sabine Funk, legt Schuhe und Strümpfe ab und spaziert gedankenverloren durch das taunasse Gras. Funk hat sich für vier Tage im Kloster eingemietet. Hoch über der Stadt Koblenz will sie Abstand vom stressigen Alltag gewinnen.

Für die zehn Teilnehmer des Morgenprogramms gehört zur Entspannung auch die Bewegung. Nach dem Tautreten, das zum einen ein Gefäßtraining darstellt, zum anderen positiv auf die Psyche wirken soll, heißt es ran an den Speck. Drei Runden walken die Frühaufsteher unter Anleitung durch den weitläufigen Klostergarten, vorbei an idyllischen Teichen und durch kleine Wäldchen, immer begleitet vom Gesang der Vögel, die den erwachenden Sommerankündigen.
Der Tag im Kloster beginnt für Sabine Funk (vorne rechts) und ihre Freundin Agathe Plattek sportlich. Um 7 Uhr machen sich die beiden Frauen zum Walken durch den idyllischen Klostergarten auf. Vogelgezwitscher und
warme Sonnenstrahlen begleiten sie an diesem Morgen.
„Das ist alles so friedlich hier", sagt Sabine Funk und bringt damit auf den Punkt, was sie schon seit Jahren immer wieder ins Kloster Arenberg zieht.

Vier Jahre ist es nun her, seit sie ihren ersten Aufenthalt im Kloster buchte. „Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, Abstand vom Alltag zu gewinnen", erzählt sie auf dem Weg in die kleine Kapelle im Turm des Gästehauses. Eine kurze Predigt lässt den Tag auch für jene Gäste beginnen, die es nicht zum Tautreten aus den Betten geschafft haben. Als sich die Tür des Fahrstuhls im siebten Stock öffnet, kehrt Stille ein. Die Kapelle soll ein Ort der Ruhe und des Gebets sein. Das Sprechen ist hier oben untersagt. So genießen die Gäste den morgendlichen Ausblick auf den Rhein, bevor Theologe Martin Hofmeir mit seinem Morgenimpuls beginnt, der, so scheint es, junge wie alte, gläubige wie nichtgläubige Menschen vereint. Hofmeir spricht von der Kraft zu verzeihen. Sein Publikum lauscht gespannt.

Beim anschließenden Frühstück im Speiseraum des Klosters planen Sabine Funk und Agathe Plattek, eine Freundin, mit der sie dieses Mal gemeinsam anreiste, den kommenden Tag. Nur wenige Meter weiter verstummen die G espräche. In einem der beiden Frühstückssäle können die Gäste in Ruhe speisen. In diesem zweiten, gut gefüllten Raum, hingegen gilt das Gebot der Stille

Funk und Plattek aber tauschen sich aus, sprechen über den Alltag im Kloster und über den Glauben. „Ich denke, man kann hier auch einen Aufenthalt machen, ohne gläubig zu sein", sagt Funk. „Dem religiösen Angebot kann man völlig aus dem Weg gehen, wenn man das will", ist sie sich sicher. Und tatsächlich ist dies das Konzept: Hier soll jeder aufgenommen werden, gleich welcher Konfession oder Glaubensrichtung. Ziel der Dominikanerinnen ist es, den Menschen in ihren Bedürfnissen zu begegnen. In der Regel ist das der Wunsch nach Ruhe, wie bei Funk, auch wenn die 46-Jährige vor allem die Gespräche mit den Nonnen genießt.

„Die Schwestern sind so beeindruckend", gerät sie ins Schwärmen und berichtet von endlosen Gesprächen im Kräutergarten. Schon kurze Zeit später sitzt sie mit Schwester Modesta und Schwester Irmingard bei einem Gläschen Kräuterbowle zusammen und hilft dabei, selbst angebauten Tee zu verpacken. Laut lachend unterhalten sich die Frauen über
das Leben in Arenberg. Für die beiden Nonnen ist Sabine Funk längst Teil des Klosteralltags. Danach machen sich die Frauen auf zur Kräuterernte. „Man glaubt gar nicht, was das für ein Glück sein kann, hier zu stehen und Lindenblüten zu pflücken", berichtet Funk begeistert.
Ein zufriedenes Lächeln umspielt ihre Lippen, während die sanfte Mittagssonne ihr blondes Haar glänzen lässt. Ab und an wiegt der Wind die langen Blütenstauden hin und her. Wer mit der Sehnsucht nach Ruhe ins Kloster kommt, findet sie vor allem hier im wunderschönen, idyllisch gelegenen Kräutergarten, fernab vom Alltag.

Die Klosterkapelle im siebten Stock des Klosters bietet Raum für Stille. Zum morgendlichen Impuls ist der kleine Raum immer gut gefüllt. Die Gäste nutzen die Zeit zum Beten und Nachdenken. Eine kurze Predigt von Martin Hofmeier leitet den Tag ein und gibt den Teilnehmern erste Gedanken mit auf den Weg.
Die Teilnahme steht jedem offen, gleich welchen Glaubens.
Schwester Beatrix kümmert sich
um die Anliegen der Gäste im
Kloster Arenberg.
Schwestern begegnen der Not der Zeit
Im Kloster bewältigen Gäste Trauer und Schmerz - Willkommen ist jeder, gleich welchen Glaubens

Schwester Beatrix kümmert sich seit 2004 gemeinsam mit zehn weiteren Schwestern und zahlreichen Angestellten um das Wohl der Gäste in Arenberg.

Wie kam es dazu, dass das Kloster ein so breites Angebot für Gäste hat?

Im Jahr 2000 stand die Einrichtung vor dem Ruin. Wir stellten uns die Frage: Wollen wir hier unseren Untergang verwalten oder Zukunft gestalten? Also versuchten wir der Not der Zeit zu begegnen und entschieden uns dazu, unser Angebot auszubauen.

Was ist die Not der Zeit?

Menschen haben andere Probleme als früher, etwa Mobbing, Beziehungsprobleme und Alltagsstress. Wir fragen den Menschen hier nicht, ob er katholisch, evangelisch oder freikirchlich ist. Wir wollen für jeden etwas tun.

War die Öffnung des Klosters im Jahr 2000 für die Schwestern ein Problem?

Im Kloster hat es immer Veränderungen gegeben. Stillstand bedeutet Rückschritt. Es gab schon Zweifel bei den älteren Schwestern, etwa wie das aussehen könnte, wenn Gäste und Klosterbewohner gemeinsam beten. Aber heute ist man froh über die Öffnung.

Warum ist gerade das Wellness-Angebot im Kloster so vielfältig?

Nur in einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist. Das gehört einfach dazu.

Ist das Gästeangebot für sie auch eine Möglichkeit, den christlichen Glauben nach außen zu tragen?

Es ist schön, dass uns die Menschen hier noch in unserem Weltbild begegnen. Es kommen durchaus viele Menschen zu uns, die mit Kirche eigentlich gar nichts zu tun haben, unser Leben mit Gott erleben und das anregend finden. Auch so kann Gott wirken.

Welche Wirkung hat ein Klosteraufenthalt auf die Menschen?

Der Mensch kann hier genau so sein, wie er ist. Viele sagen, sie fühlen sich hier zu Hause. Manche kommen in tiefer Trauer her und können hier zum ersten Mal wieder durchatmen, einfach weil wir für sie da sind.


· Die Fragen stellte Anna Wirth