Deutschland - Koblenz Kloster Arenberg

Wellness mit Gottes Segen

Text: Bettina Hagen


















Wellness mit Gottes Segen
Auf den ersten Blick wirkt die Lobby des Gästehauses wie ein ganz normales Hotel: Computer, Telefon und Faxgerät am Empfang, daneben ein kleiner Souvenirshop, in dem Tees, Postkarten und Bücher angeboten werden. Nur die fröhlichen Ordensschwestern, die an der Rezeption den reibungslosen Ablauf organisieren, wollen zunächst nicht so recht ins Bild passen. „Seien Sie uns herzlich willkommen“, ruft Schwester Beatrix einem gerade angekommenen Ehepaar aus dem Bergischen entgegen, das im Kloster Arenberg, oberhalb von Koblenz, einen Wellnessaufenthalt gebucht hat. Wellness im Kloster?

Spiritualität und Hanteln hieven, passt das zusammen? „Natürlich“, lacht Schwester Beatrix, die das Gästehaus leitet, „Der Mensch besteht doch aus Körper, Geist und Seele. Wir sprechen hier alles an, ganz nach Bedarf.
Seit der Gründung ihres Klosters in der Mitte des 19. Jahrhunderts haben sich die Arenberger Dominikanerinnen dem Dienst am Menschen verschrieben.
Sie kümmerten sich um Hilfsbedürftige, gründeten zahlreiche Krankenhäuser sowie Altenheime im deutschsprachigen Raum und errichteten sogar Missionsstationen in Bolivien. In den 1950er-Jahren wurde neben dem Koblenzer Mutterhaus ein Kneippsanatorium errichtet.

Vor fünf Jahren drohte der sanierungsbedürftigen Einrichtung die Insolvenz. Die Schwestern standen vor einer schweren Krise. „Wir mussten uns entscheiden“, erzählt Schwester Beatrix, „entweder schließen oder ganz von vorne anfangen“. Sie konsultierten eine Unternehmensberatung und entschieden sich mutig für einen Neuanfang im großen Stil. Die Gebäude sollten umfassend saniert, um einen Neubau ergänzt und als Höhepunkt ein moderner, weltlicher WeIlnessbereich gebaut werden.
Ein großes Risiko für die Ordens-Schwestern, die für das Projekt 15 Millionen Euro locker machten. Aus eigenen Mitteln, ohne Zuschüsse.
Vor drei Jahren wurde das Gästehaus mit 99 Zimmern, Klostercafe, Bibliothek, Lese-
und Fernsehzimmern eröffnet.
Seitdem meistern die Schwestern den Spagat zwischen Hotelmanagement und Klosterleben. Das ist es wohl auch, was die besondere Atmosphäre des Ortes ausmacht und die Besucher anlockt. Mit einer durchschnittlichen Auslastung von 75 Prozent können die Ordensdamen zufrieden sein, manche Hotelkette wird sie darum beneiden. Projekt geglückt, der Himmel hatte ein Einsehen.

Ganzheitliche Erholung „Ich war völlig überarbeitet und musste einfach mal abschalten“, erzählt eine Geschäftsfrau im schwäbischen Dialekt. „Hier habe ich Ruhe gefunden und kann die Seele baumeln lassen“. Jeden Tag marschiert sie ins Vital-Zentrum zu Schwester Andrea, um sich mit einer Aromaölmassage verwöhnen zu lassen.
Schwester Andrea leitet seit zwei Jahren das Vitalzentrum mit weiteren sechs Mitarbeitern. „Den Begriff Wellness haben wir bewusst vermieden“, sagt die ausgebildete Physiotherapeutin, „darauf allein möchten wir nicht reduziert werden.
Wir sind keine x-beliebige Wellness-Oase. Wir wollen Seele, Geist und Körper in Einklang bringen“.

Dennoch bietet das Kloster ein entsprechendes Angebot: Von Schwimmbad und
finnischer Sauna bis hin zu Fitnessraum und Solarium ist altes vorhanden. Außerdem werden Kurse in Aquafitness, Wirbelsäulengymnastik oder Qi Gong angeboten.
Die Ausstattung kann sich sehen lassen, klösterlicher Askese werden hier Wohlfühlen
und Entspannung entgegengesetzt.
Auch auf das Kneippsche Erbe hat man sich besonnen: Wassertreten, Teil- und Wechselgüsse sind nach wie vor im Repertoire. Wer möchte, kann den Tag morgens um 07.00 Uhr mit Tautreten und anschließender Gymnastik im Park beginnen oder sich nachmittags unter schwesterlicher Anleitung in Nordic Walking probieren.

Reise zu sich selbst
Nur sieben Stockwerke liegen Vitalzentrum und Hauskapelle auseinander.
Die Fahrt mit dem Aufzug den Turm hinauf bekommt auf dem Arenberg fast einen symbolischen Charakter.
Hier geht es nicht mehr um das körperliche Wohl, sondern um das spirituelle. Wenn Schwester Scholastika morgens um acht zum „Impuls in den Tag“ einlädt, ist der schlichte helle Raum mit den Waschbetonwänden bis auf den letzten Platz besetzt.


Mit ruhiger warmer Stimme und einer Mischung aus Andacht, Besinnung und Meditation stimmt sie auf den Tag ein. Da kann es schon mal sein, dass die Gäste mit einem Song von Herbert Grönemeyer begrüßt werden, wenn es um das Thema Lebenswege geht.
Oder neben Bibelstellen eine Passage aus Hape Kerkelings „Meine Reise auf dem Jakobsweg“ vorgelesen wird. Nicht selten wird manches Auge feucht.
Schwester Scholastika, mit ihren 41 Jahren eine der Jüngeren im Kloster, ist auch in der Seelsorge tätig. Menschen kommen mit existenziellen Fragen, Fragen nach dem Sinn des Lebens oder auch in Glaubens- und Lebenskrisen.
„Oft geht es um ganz konkrete Probleme wie Trauer, den Verlust der Arbeit oder Beziehungsprobleme“, erzählt sie. Wie kann sie da helfen? „Erstmal nur durch Zuhören. Dann versuchen wir das Problem unter einem anderen Blickwinkel zu sehen, und ich gebe Denkanstöße“. Das Angebot wird dankbar angenommen, ihre Gesprächsstunden sind meist Wochen im Voraus ausgebucht.
Wer möchte, kann zudem an den Eucharistiefeiern und Rosenkranzgebeten der Schwestern teilnehmen. Kann, muss nicht.
Im Kloster Arenberg soll niemand missioniert werden, das ist den Schwestern wichtig. Auch nach der Konfession wird nicht gefragt. „Wir sehen nur den Menschen,
egal woher er kommt, woran er glaubt“, meint Schwester Scholastika, alias Edith Jurt.
Und das nimmt man der charismatischen Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht und dabei eine Lebensfreude ausstrahlt, als hätte sie die Quelle irdischen Glücks schon lange gefunden, jederzeit ab. Ob Gespräche oder Gebete, alles ist im Kloster Arenberg nur Angebot, keinem wird etwas verordnet. „Die Schwestern haben das richtige
Verhältnis von Nähe und Distanz“, schwärmt die schwäbische Geschäftsfrau nach zwei Tagen, „man fühlt sich einfach willkommen“.

Von der Apotheke ins Kloster
Ursula Hertewich ist der jüngste Neuzugang im Kloster. Seit Pfingsten ist sie als Postulantin in Arenberg und durchläuft eine Orientierungsphase, die nach sechs
Monaten ins Noviziat führt.
Die promovierte Apothekerin möchte Ordensschwester werden.
Mit ihren dreißig Jahren ist sie das Küken unter den Schwestern, deren Durchschnittsalter bei 74 liegt. Was bewegt eine junge Apothekerin zu dieser Entscheidung?
„Ich wollte meinen Glauben stärker leben und mich in die Kirchenarbeit einbringen.
Kloster kam dabei für mich eigentlich nicht in Frage“, erzählt sie freimütig. Nach einem Schnupperaufenthalt änderte sich das schlagartig, das Leben als Ordensschwester wurde für sie plötzlich vorstellbar.
Ein Bruch der bisherigen Lebensplanung. Doch sie hatte Menschen, die ihr in dieser Phase zur Seite standen. „Meine Familie war zuerst schockiert, aber inzwischen sehen sie, wie glücklich ich hier bin“, sagt die angehende Novizin.
Ihren Arbeitsplatz hat sie bereits gefunden. Gemeinsam mit Schwester Irmingard ist sie für den Kräutergarten zuständig und kümmert sich um die Heilpflanzen im Apothekergarten.
Für eine Absolventin der pharmazeutischen Biologie ein Eldorado. Doch sie hat einiges zu tun, denn die Kräuterschwestern bauen Heilpflanzen wie Sonnenhut, Pfefferminze, Eibisch, Rosmarin oder Salbei professionell an. Die Gäste zieht es immer wieder durch die weitläufige Parkanlage zu den Beeten mit den duftenden Lavendelbüschen, Thymian und Melisse, riechen hier und dort oder probieren einzelne Blätter.
Von den Schwestern erfahren, sie dass Ringelblume die Wundheilung fördert, Pfefferminze bei Darmbeschwerden hilft und Johanniskraut in der Naturheilkunde bei leichten Depressionen eingesetzt wird. Wenn die Ernte angesagt ist, greifen einige sogar zu Messer und Schere und helfen beim Zupfen und Zerkleinern. Das Ergebnis können sich die Gäste in Form von Kräutertee, Ringelblumensalbe und Johanniskrautöl mit nach Hause nehmen. Aus dem Souvenirshop von Schwester Beatrix.